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Fall Franco A.
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Der Fall Franco A. begann ab 3. Februar 2017 mit der ersten Festnahme des Oberleutnants Franco A. am Flughafen Wien-Schwechat, als er eine nicht auf ihn registrierte Pistole nach Deutschland schmuggeln wollte. Dies löste im weiteren Verlauf Terrorermittlungen gegen Bundeswehrsoldaten aus. Schrittweise ermittelte das deutsche Bundeskriminalamt (BKA), dass Franco A.
⹠trotz festgestellter antisemitischer, rassistischer und rechtsextremer Ansichten in seiner Masterarbeit von 2013 in der Bundeswehr zum Berufssoldaten ernannt und befördert worden war,
âą sich 2015 als KriegsflĂŒchtling aus Syrien ausgegeben hatte und als SubsidiĂ€r Schutzberechtigter anerkannt worden war,
âą mit anderen Bundeswehrsoldaten in einer geschlossenen Chatgruppe rechtsextreme Ansichten geteilt und Angriffe auf Politiker besprochen,
⹠Munition aus BundeswehrbestÀnden gestohlen und versteckt,
âą sich weitere Waffen zu beschaffen versucht und damit trainiert,
âą Feindeslisten und Notizen zu mutmaĂlichen Anschlagszielen erstellt sowie
⹠die Amadeu Antonio Stiftung, eines der gelisteten Objekte, in Berlin ausgespÀht hatte.
Nach Medienrecherchen hatte er zudem Kontakte zum âHannibalâ-Netz und zum Verein Uniter, von denen einige Mitglieder ihrerseits wegen unerlaubten Waffenbesitzes und Planung von TerroranschlĂ€gen unter Verdacht gerieten.
Am 27. April 2017 wurden Franco A. und Mathias F., der ihm bei Munitionsdiebstahl geholfen hatte, festgenommen. Am 2. Mai 2017 ĂŒbernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen. Am 9. Mai 2017 lieĂ er zudem den Oberleutnant Maximilian T. festnehmen und begrĂŒndete die Haftbefehle mit einem mutmaĂlichen rechtsterroristischen Anschlagsplan unter falscher Flagge: âDie von den drei Beschuldigten geplante Tat sollte von der Bevölkerung als radikalislamistischer Terrorakt eines anerkannten FlĂŒchtlings aufgefasst werden.âcite-ref-1[1]
Im Oktober 2017 wurden die Ermittlungen gegen Maximilian T. eingestellt, er wurde freigelassen. Im September 2019 wurde Mathias F. wegen VerstöĂen gegen deutsche Waffengesetze zu einem Jahr Haft auf BewĂ€hrung verurteilt. Am 15. Juli 2022 verurteilte das Oberlandesgericht Frankfurt am Main (OLG) Franco A. wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat (§ 89a) und VerstöĂen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz zu fĂŒnfeinhalb Jahren Haft. Im August 2023 bestĂ€tigte der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil.
Der Fall löste eine Debatte ĂŒber Rechtsextremismus in der Bundeswehr und deren VerhĂ€ltnis zu Traditionen der Wehrmacht aus. In der Folge wurden mehrere rechtsextreme Soldaten enttarnt und suspendiert, der Traditionserlass der Bundeswehr ĂŒberarbeitet, Wehrmachtsandenken aus Kasernen entfernt und vom Bundesamt fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge (BAMF) getroffene Asylbescheide ĂŒberprĂŒft.
Contents
âą Pistolenfund
âą Hitlerverehrung
âą Umfeld
âą Folgen
âą Bundestag
âą BAMF
âą Maximilian T.
âą Mathias F.
âą Franco A.
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Jugend und Ausbildung
Franco A. wurde 1989 in Offenbach am Main geboren. Sein Vater war als sogenannter Gastarbeiter aus Italien nach Deutschland gekommen. Seine deutsche Mutter war Personalsachbearbeiterin. Der Sohn wuchs mit seinem Bruder bei ihr auf und hatte keinen Kontakt zum Vater. Im Haus wohnten auch seine GroĂeltern und sein Onkel. Der GroĂvater war in der NS-Zeit bei der Kriegsmarine gewesen und lieĂ sein Geburts- und Todesdatum mit je einer germanischen Rune auf seinem Grabstein eingravieren. Zu ihm hatte Franco A. ein betont enges VerhĂ€ltnis. Er ĂŒbernahm laut einem Cousin der Mutter seine âganze Einstellungâ vom GroĂvater und habe immer ein besserer Deutscher sein wollen âals die Deutschen selbstâ. Zudem besuchte A. regelmĂ€Ăig seinen Onkel, nachdem dieser nach Weinböhla bei Dresden umgezogen war. Der Onkel ist laut seinen FacebookeintrĂ€gen AnhĂ€nger der Alternative fĂŒr Deutschland (AfD) und rechtsextremer Organisationen.cite-ref-taz16mai2021-2-0[2]
In seiner Jugend war A. ein anerkannter und erfolgreicher Leistungssportler im Offenbacher Ruderverein. Dort lernte er Mathias F. kennen, der ihm spĂ€ter beim Munitionsdiebstahl half. Von 1999 bis zur Mittleren Reife im Jahr 2005 besuchte er die Schillerschule Offenbach, dann ein Oberstufengymnasium in Frankfurt am Main. Nach Erinnerungen seines Rudertrainers war er leistungsstark, unauffĂ€llig und zeigte keine rassistischen oder auslĂ€nderfeindlichen Tendenzen. Er habe schon frĂŒh zur Bundeswehr gehen wollen.cite-ref-3[3] Weder in den beiden Schulen noch im Ruderverein fiel er als rechtsextrem auf.cite-ref-4[4]
Als 17-JĂ€hriger begann Franco A. Tagebuch zu schreiben und notierte darin kontinuierlich seinen Glauben an das Deutschtum. Ab Januar 2007 schrieb er, sein Nationalstolz nehme ab; Medien und staatliche Institutionen diskreditierten Deutschland. Er erwog, das Land entweder in einer wichtigen Position in den Medien oder als Soldat wieder auf den richtigen Weg zu fĂŒhren. Mit seiner Gesinnung sah er in den Medien kaum Chancen, eine Karriere im MilitĂ€r traute er sich dagegen zu. Er ĂŒberlegte, bis an die Spitze des deutschen MilitĂ€rs zu gelangen und dann einen MilitĂ€rputsch zu vollziehen. Probleme mit den US-Amerikanern seien dann wahrscheinlich, da Deutschlands Besatzung nie aufgehört habe. FĂŒr die MilitĂ€rkarriere spreche, dass alle berĂŒhmten VolksfĂŒhrer, namentlich Napoleon, AtatĂŒrk und Adolf Hitler, ihre Macht auf die Armee gestĂŒtzt hĂ€tten. Diese EintrĂ€ge belegen laut spĂ€teren Medienberichten eine frĂŒhe rechtsradikale Einstellung und SelbstĂŒberschĂ€tzung.cite-ref-nzz16apr2019-5-0[5]
In seinem Abiturbuch beschrieb sich A. selbst als âloyal, einfĂŒhlsam, ehrlichâ und nannte als Berufswunsch Olympiasieger fĂŒr Deutschland oder Soldat. Am meisten schreckten ihn Berufe wie âFinanzbanker, DevisenhĂ€ndler, Spekulantâ ab.cite-ref-taz16mai2021-2-1[2] Bei seinem Abitur 2008 wollte er eine Offizierslaufbahn einschlagen. Ab September 2009 studierte er an der MilitĂ€rschule Saint-Cyr in der Bretagne Staats- und Sozialwissenschaften. Nach Angaben eines ehemaligen Lehrers befĂŒrwortete er als einziger seiner deutschen Kameraden militĂ€rische Gewalt.cite-ref-spon12dez2017-6-0[6]
Rassistische Masterarbeit
Franco A.s Masterarbeit von 2013 zum Thema âPolitischer Wandel und Subversionsstrategieâ enthielt offen rechtsextremes, antisemitisches und rassistisches Gedankengut.cite-ref-r-pke228ff-7-0[7] Einzelkapitel trugen Titel wie âDiasporagruppen und Lobbyâ, âĂber die Migrationâ, âGenozid / Autogenozidâ und âDer Niedergang von Kulturenâ. Darin beschrieb er âDiasporagruppenâ (ethnisch-religiöse Minderheiten) als Gefahr fĂŒr die umgebende Gesellschaft, âda sie niemals Teil eines Volkes sein könntenâ und diesem Schaden zufĂŒgen wĂŒrden. So hĂ€tten Juden und Armenier die USA lange Zeit âausgebeutetâ. Nur Minderheiten hĂ€tten ein Interesse an den Menschenrechten. Diese hĂ€tten einen âinfektiösen Charakterâ. Durch gezielte Einwanderung sei ein âGenozid der Völker in Westeuropaâ im Gange. Er sprach von einem selbstverursachten âAutogenozidâ und warnte wiederholt vor einer âDurchmischung der Rassenâ und âMischehenâ. FĂŒr die âabsichtsvoll betriebene innereuropĂ€ische Vermischungâ von âjungen, fruchtbaren Menschenâ, die zu einem âausschweifenden Lebenâ gebracht wĂŒrden, machte er die AuĂenpolitik der USA, Medien, Presseagenturen, Think Tanks, Nichtregierungsorganisationen, Popmusik, Kulturförderung wie das Erasmus-Programm und anderes verantwortlich. Die Emanzipation der Frau gefĂ€hrde die Familie und sei somit ebenfalls eine gezielt herbeigefĂŒhrte SchwĂ€chung des Volkes.cite-ref-flademasterarbeit-8-0[8]
A.s Hauptthema war die angeblich zerstörerische Migration: Ziel von FlĂŒchtlingen und Einwanderern sei âdie Auflösung eines Volkesâ. Der Einfluss von AuslĂ€ndern habe schon antike Hochkulturen zu Fall gebracht. Seit geraumer Zeit sei âder Westen dranâ.cite-ref-eisprinzessin-9-0[9] Die westlichen Gesellschaften seien auf dem Weg in den Untergang, dessen Keim schon gelegt sei. Die âmassive Einwanderungâ habe âin ganzen StĂ€dten zu einem Austausch der Bevölkerungâ gefĂŒhrt. Zuwanderer könnten niemals Teil des Volkes sein, in dessen Land sie kĂ€men. Ihre EinbĂŒrgerung sei die âPerversion des Begriffs der NationalitĂ€tâ.cite-ref-spon3mai2017-10-0[10]
Zudem verteidigte A. den Holocaustleugner David Irving: Er sei ein Opfer der âSubversionâ. Politiker wie Jörg Haider und JĂŒrgen Möllemann seien durch Attentate von Geheimdiensten ermordet worden. Die Bibel sei das Fundament dieser Subversion: Sie ermögliche den Juden, gegen einen stĂ€rkeren Gegner vorzugehen und zugleich zu verhindern, dass dieser sich gegen Angriffe wehre. Falls dies zutreffe, enthĂŒlle seine Arbeit den Lesern das gröĂte Komplott der Menschheitsgeschichte.cite-ref-nzz16apr2019-5-1[5]
A.s Hauptbegriffe stammen wohl von Ideologen der Neuen Rechten. So sprach Alain de Benoist von âSubversionâ und berief sich wie A. auf den Massenpsychologen Gustave Le Bon (1841â1931). Den Ausdruck âAutogenozidâ (âVölkerselbstmordâ) prĂ€gte der neurechte Publizist GĂŒnter Maschke mit seinem Aufsatz âDie Verschwörung der Flakhelferâ (1985). Die IdentitĂ€re Bewegung und die antisemitische Verschwörungsideologin Nesta Webster benutzen den Ausdruck. A. nannte letztere als Quelle und deutete wie sie an, hinter der Subversion stĂŒnden Juden wie der Investor George Soros. Die âZerstörung Europasâ habe schon der biblische Prophet Jesaja angekĂŒndigt. A.s Hauptgedanken wurden mit dem âManifestâ des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik verglichen, der Zuwanderung ebenfalls als gezieltes Mittel zur Zerstörung Europas durch einen groĂen Bevölkerungsaustausch deutete und dahinter eine Verschwörung von Eliten und Medien sah, die er mit missionarischem Eifer und mörderischer Gewalt aufdecken wollte.cite-ref-11[11] Der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent sieht A. wegen der Herkunft vieler Begriffe seiner Arbeit âeingebunden in ein breiteres rechtsextremes Diskursumfeldâ. Wegen hĂ€ufiger Pluralformulierungen (âwirâ) könnte der Text von mehreren Personen gemeinsam verfasst worden sein.cite-ref-12[12]
Im Januar 2014 lieĂen die französischen PrĂŒfer A. wegen dieser Arbeit durch die PrĂŒfung fallen und bescheinigten ihm schriftlich, sie sei rassistisch und werde nicht angenommen.cite-ref-eisprinzessin-9-1[9] Schulkommandeur Antoine Windeck warnte seine Bundeswehrpartner: Die Masterarbeit sei gespickt mit Rassismus und Verschwörungstheorien. In Frankreich wĂŒrde man A. deshalb aus dem MilitĂ€r entlassen. Das Zentrum fĂŒr MilitĂ€rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr beauftragte zunĂ€chst den Historiker Jörg Echternkamp, die Arbeit zu begutachten. Dieser kam nach drei Tagen zu dem eindeutigen Schluss: âBei dem Text handelt es sich nach Art und Inhalt nachweislich nicht um eine akademische Qualifikationsarbeit, sondern um einen radikalnationalistischen, rassistischen Appell, den der Verfasser mit einigem Aufwand auf eine pseudowissenschaftliche Art zu unterfĂŒttern sucht.â Er versuche, das âvermeintliche Naturgesetz rassischer Reinheitâ wiederherzustellen, und sei erkennbar ein AnhĂ€nger ârassistischer Denkweisenâ: âIn manchen Teilen liest sich der Text wie eine Gebrauchsanweisung fĂŒr rassistische Propagandaâ. Er habe die Arbeit âin Unkenntnis der mittlerweile jahrzehntelangen historischen Nationalismusforschungâ geschrieben. Er greife immer wieder auf âexplizit auf rassistisches Vokabularâ und âbiologistische Metaphorikâ zurĂŒck, vertrete âsein ganz eigenes VerstĂ€ndnis von âVolkâ und âNationââ und ziehe dabei âdie bekannte rassistische Deutungsfigur der Geneâ und den âkruden Geodeterminismusâ heran. Er verweise kaum auf wissenschaftliche Quellen und benutze allenfalls fragwĂŒrdige Literatur wie die von Gustave Le Bon. Wie ein roter Faden ziehe sich die âAbwehr fremder EinflĂŒsseâ durch den Text. Damit meine der Autor einen âRassenkampfâ.cite-ref-flademasterarbeit-8-1[8] Als solchen deute er den Begriff âSubversionâ, die sich gegen Volksgemeinschaften âgewachsenerâ Staaten richte. Er erklĂ€re politische Entwicklungen in der Welt mit dem âillegitimen, zielgerichteten und konspirativen Wirken einer Personengruppeâ, analog zur antisemitischen Verschwörungstheorie vom âWeltjudentumâ.cite-ref-r-pke228ff-7-1[7]
A. sehe âfĂŒr die Anwendung von Gewalt nur den einen Rechtfertigungsgrund [âŠ]: den Schutz der eigenen IdentitĂ€t und des eigenen Volkes gegen âauslĂ€ndische Elementeââ. Die Arbeit sei âdeshalb keine geschichts- und politikwissenschaftliche Abhandlung zum politischen Wandel [âŠ], sondern ein Aufruf dazu, einen politischen Wandel herbeizufĂŒhren, der die gegebenen VerhĂ€ltnisse an das vermeintliche Naturgesetz der rassistischen Reinheit anpasst.â Diese Denkweise sei fĂŒr radikalnationalistische Milieus typisch: Die Angst vor Ăberfremdung, verbunden mit einer âVerunsicherung durch Globalisierung, wie sie beim Verfasser immer wieder durchscheintâ, sei anschlussfĂ€hig, und das mache sie gefĂ€hrlich. Der Gutachter schloss mit der Frage: âEs wĂŒrde mich sehr interessieren, welche Konsequenzen es hat.âcite-ref-flademasterarbeit-8-2[8]
Am 22. und 27. Januar 2014 befragten A.s Vorgesetzte ihn zu der Arbeit. Er beteuerte, er sei weder rechtsextrem noch rassistisch. Er habe die Arbeit unter Zeitdruck geschrieben und sich in die Rolle eines Rechtsextremen begeben, um dessen Rassenthesen detailliert zu beschreiben, ohne sie zu teilen. In der Hektik sei er dann selbst irrtĂŒmlich als Vertreter statt Beobachter dieser Thesen erschienen. Zudem sei er nicht wissenschaftlich begleitet worden. Der Rechtsberater der Bundeswehr akzeptierte diese ErklĂ€rung sofort und rĂŒgte nur eine âvermeidbare Sorgfaltlosigkeitâ. Der Vorgesetzte sah âkeinen Anhaltspunktâ fĂŒr A.s rechtsextreme Einstellung. Dieser habe nur âfahrlĂ€ssig den bösen Anschein einer solchen Gesinnung gesetztâ.cite-ref-spon3mai2017-10-1[10] Der Wehrdisziplinaranwalt urteilte am 27. Januar 2014: Es deute âalles darauf hin, dass der Soldat angesichts der ihm unzweifelhaft zugeschriebenen hohen IntellektualitĂ€t ein Opfer seiner eigenen intellektuellen FĂ€higkeit in der Darstellung geworden ist. Aufgrund des gewonnenen Persönlichkeitsbildes sind Zweifel an der erforderlichen Einstellung zur Werteordnung nicht nur nicht belegbar, sondern auszuschlieĂen.â Er stellte Ermittlungen zu Disziplinarvergehen daher ein und belieĂ es bei einer Ermahnung. A. erhielt entgegen den internen Vorschriften keinen Eintrag in seine Personalakte, durfte weiter an der Waffe Dienst verrichten und eine zweite Masterarbeit schreiben.cite-ref-flademasterarbeit-8-3[8] Grund dafĂŒr war offenbar, dass A. den militĂ€rischen Teil seiner Offiziersausbildung als Zweitbester von 150 Teilnehmern seines Jahrgangs absolviert hatte und daher als Elitesoldat galt.cite-ref-zeit10mai2017-13-0[13]
Im Juli 2014 bestand er mit seiner zweiten Arbeit. Im Juli 2015 wurde er zum Berufssoldaten ernannt. Im November 2015 begann er seinen EinzelkÀmpferlehrgang auf der Infanterieschule in Hammelburg. Zuletzt gehörte er als Oberleutnant zum JÀgerbataillon 291, stationiert in Illkirch-Graffenstaden im Elsass, dem Standort der Deutsch-Französischen Brigade.cite-ref-zeit10mai2017-13-1[13]
Doppelleben als FlĂŒchtling
Das BKA fand mit A.s FingerabdrĂŒcken heraus, dass er seit 2015 als syrischer KriegsflĂŒchtling unter dem Namen âDavid Benjaminâ gemeldet war. Am 30. Dezember 2015 hatte die Erstaufnahmeeinrichtung in GieĂen ihn als Asylbewerber registriert und bei Erding untergebracht. Am 7. November 2016 fĂŒhrte die BAMF-AuĂenstelle Zirndorf die obligatorische Anhörung fĂŒr A. durch. Ein Bundeswehrsoldat im Beisein einer Dolmetscherin fĂŒr Arabisch befragten ihn 80 Minuten lang, hauptsĂ€chlich auf Französisch.cite-ref-r-pke223f-14-0[14] Nach spĂ€teren Angaben der Dolmetscherin beantwortete A. einige Fragen auf Deutsch mit französischem Akzent, ohne sie sich vorher ĂŒbersetzen zu lassen.cite-ref-spon16jun2017-15-0[15] Er gab an, er heiĂe David Benjamin und sei syrischer Christ, geboren 1988 in einer Kleinstadt östlich von Aleppo als Sohn eines ObsthĂ€ndlers. Seine Familie stamme aus Frankreich und habe ihn auf ein französisches Gymnasium in Damaskus geschickt. Darum beherrsche er Französisch besser als Arabisch. Er sei geflohen, weil das Assad-Regime ihn zum MilitĂ€rdienst habe einziehen wollen, Dschihadisten seinen Vater getötet hĂ€tten und die Terrormiliz Islamischer Staat ihn wegen seines jĂŒdisch klingenden Namens bedroht habe. Obwohl keine dieser Angaben zutraf, erhielt er einen vorlĂ€ufigen Schutzstatus als KriegsflĂŒchtling.cite-ref-r-pke223f-14-1[14]
Bei der Anhörung wurde er nicht nach seinem Aufenthaltsort gefragt. Dabei hatte das Sozialamt in Baustarring bei Kirchberg (Oberbayern) das BAMF im Oktober 2016 informiert: âHerr Benjamin kam noch nie nach Baustarringâ, wo er anfangs untergebracht worden war.cite-ref-16[16] Ferner fragte die Dolmetscherin A. sofort auf Französisch, noch bevor sie seinen arabischen Akzent feststellen konnte. Der Standort seiner Schule, der 20 km von seiner Angabe entfernt lag, wurde nicht geprĂŒft und dokumentiert, ebenso wenig seine angeblichen Verletzungen durch Granatsplitter. Ein schriftlicher Einberufungsbefehl der syrischen Armee wurde nicht verlangt. Auch Nachfragen zum Tod des Vaters, zur Flucht vor dem IS und zu einem angeblichen Cousin und seinem Schicksal unterblieben, obwohl die Befragung nicht unter Zeitdruck erfolgte. Im Asylbescheid vom 16. Dezember 2016 urteilte der Entscheider, der Antragsteller habe seine religiöse Verfolgung nicht ausreichend begrĂŒndet, wohl aber die ihm drohende Lebensgefahr als Zivilist. Er erkannte ihn deshalb als BĂŒrgerkriegsflĂŒchtling an und gewĂ€hrte ihm subsidiĂ€ren Schutz.cite-ref-17[17]
Die Bundesagentur fĂŒr Arbeit hatte den Entscheider nach einem vierwöchigen Kurzlehrgang an das BAMF ausgeliehen. Er musste zwischen Mai und Dezember 2016 ĂŒber 435 AsylantrĂ€ge entscheiden und sagte Kontrolleuren, er könne sich an die Befragung von âDavid Benjaminâ nicht mehr erinnern.cite-ref-spon16jun2017-15-1[15] Auch der anhörende Bundeswehrsoldat war nur drei Wochen lang fĂŒr die Aufgabe geschult worden. Die Dolmetscherin hatte zwar Unstimmigkeiten in A.s Aussagen bemerkt, aber ânichts gegen einen Israeliâ zu sagen gewagt. Das BAMF erklĂ€rte, seine Anerkennung sei Ergebnis âmehrerer eklatanter Fehler, mangelnder Routine und extremer Belastung aller Mitarbeiterâ gewesen.cite-ref-spon3jun2017-18-0[18]
Ermittelte Indizien
Pistolenfund
Am 22. Januar 2017 fand eine Reinigungskraft im Putzschacht einer Behindertentoilette am Wiener Flughafen Schwechat eine mit sechs Patronen geladene einsatzbereite Pistole und informierte die Polizei Ăsterreichs. Diese brachte einen Alarmmelder am Waffenversteck an. Am 3. Februar 2017 wollte Franco A. die Pistole abholen, löste den Alarm aus und wurde festgenommen. Im ersten Verhör sagte er aus, er habe am 21. Januar mit Kameraden den âBall der Offiziereâ besucht, sich betrunken, die Pistole beim Pinkeln in einem GebĂŒsch gefunden, eingesteckt und vergessen. Erst kurz vor seiner Abreise am Flughafen sei der Fund ihm wieder eingefallen. Er habe die Waffe in der Toilette versteckt, um durch die Sicherheitsschleuse zu kommen. Nun habe er sie abholen wollen, um sie der Polizei zu ĂŒbergeben.cite-ref-taz16mai2021-2-2[2] Die Wiener Polizei bemerkte A.s rechtsextreme Haltung, entlieĂ ihn aber, da sonst nichts gegen ihn vorlag, und ĂŒbermittelte seine FingerabdrĂŒcke und das Verhörprotokoll an das BKA.cite-ref-r-pke222f-19-0[19]
A. war mit seiner Freundin Sophia T. und deren Bruder Oberleutnant Maximilian T. zum âBall der Offiziereâ gereist. Dorthin hatte sie ein frĂŒherer Kamerad aus Illkirch eingeladen. A. hatte das Pistolenversteck vor der Abreise fotografiert und das Foto in einer Chatgruppe verschickt, zu der auch Maximilian T. gehörte. Dieser bestĂ€tigte spĂ€ter A.s Darstellung vom Pistolenfund.cite-ref-tazrisiko-20-0[20]
Die Pistole des Herstellers M.A.P.F., Modell 17, Kaliber 7,65 mm war im Juli 2016 in Paris gekauft worden, eventuell von A. selbst.cite-ref-taz16mai2021-2-3[2] Es war eine zwischen 1928 und 1944 gebaute französische Unique Modell 17. Dieses Modell verwendeten Offiziere der Wehrmacht im besetzten Frankreich als ihre Dienstwaffe. FĂŒr Sammler besitzt es einen hohen Symbolwert. Darum wirkte A.s Behauptung unglaubhaft, er habe die Waffe der Polizei ĂŒbergeben wollen.cite-ref-flade6sep2017-21-0[21]
Anfang Februar 2017 bat A. den Wehrdisziplinaranwalt, der ihn im Januar 2014 zu seiner Masterarbeit befragt hatte, seine schriftliche Einlassung gegenĂŒber der Polizei Wiens zu begutachten. Nach Eigenangaben vom 28. April 2017 (nach Franco A.s Verhaftung) warnte der Anwalt ihn, der VerstoĂ gegen das Waffengesetz werde eine âinnerdienstliche disziplinare Reaktionâ nach sich ziehen. Diese werde wegen A.s ErklĂ€rung zum Pistolenfund fĂŒr ihn âverkraftbarâ sein, zumal sein âLeistungsbild und sein Werdegangâ fĂŒr ihn sprĂ€chen. Allerdings hĂ€tte er als Ermittler âZweifel an der Schilderungâ und wĂŒrde davon ausgehen, dass die Pistole seine eigene Waffe war. Da der Anwalt den E-Mail-Dialog löschte, lieĂen sich seine Angaben nicht prĂŒfen.cite-ref-flademasterarbeit-8-4[8]
Rassistische Chats und Sprachnachrichten
SpĂ€testens 2014 begann A. mit Sprachaufnahmen auf seinem Handy, von denen Ermittler spĂ€ter mehr als 100 sicherten. Ob und falls ja, an wen er diese Aufnahmen verschickte, ist unbekannt. Er zeichnete Gedankenfetzen ĂŒber Leben, Liebe und Selbstzweifel, Dialoge und Reden auf. In einer Ansprache an seinen GruppenfĂŒhrer nannte er politische Gegner âSchweineâ, erwĂ€hnte einen drohenden dritten Weltkrieg und meinte: Alles, was Hitler schlecht mache, sei eine LĂŒge. Am 18. Januar 2016 nahm er eine Rede ĂŒber die âDiaspora im eigenen Landeâ auf: Es drohe die systematische Zerstörung Deutschlands und der ganzen Menschheit. Es gebe einen gesteuerten Bevölkerungsaustausch. âDie Zionistenâ versuchten, die Weltherrschaft an sich zu reiĂen. âIhr glaubt immer noch, Teil dieses Staates zu seinâ; aber man mĂŒsse sich davon befreien, den bestehenden Staat aufrechtzuerhalten. âJeder, der dazu beitrĂ€gt, dass dieses Konstrukt kaputt geht, tut Gutes.â
Am 17. Februar 2017 eröffnete die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main ein Ermittlungsverfahren gegen Franco A. wegen der Vorbereitung einer staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat. Er wurde beobachtet und seine Telefonate wurden ĂŒberwacht. Dabei erhĂ€rtete sich der Verdacht einer rechtsextremen Haltung: In der WhatsApp-Chatgruppe soll er Hetztexte ĂŒber AuslĂ€nder ausgetauscht haben.cite-ref-spon27apr2017-22-0[22]
Munitionsdiebstahl
Bei Durchsuchungen von 16 Objekten in Ăsterreich, Deutschland und Frankreich fanden 90 Ermittler unter anderem Sprengstoff und weitere Hinweise auf einen vermuteten Anschlagsplan, so dass sie Franco A. und Mathias F. am 27. April 2017 festnahmen.cite-ref-23[23] Die Ermittler beschlagnahmten umfangreiches Beweismaterial, vor allem Mobiltelefone, Laptops und schriftliche Unterlagen.cite-ref-24[24]
Im Studentenzimmer von Mathias F. in Friedberg (Hessen) fanden BKA-Ermittler insgesamt 1083 Patronen verschiedener Kaliber, darunter 885 Schuss fĂŒr das Sturmgewehr HK G36 und die Maschinenpistole MP7 sowie Leuchtspurgeschosse.cite-ref-flade6sep2017-21-1[21] Ferner fanden sie ZĂŒnder und andere Teile von Handgranaten sowie Leucht- und Nebelmunition, groĂenteils aus BundeswehrbestĂ€nden. Mathias F. gab an, all dieses Material habe Franco A. ihm gegeben,cite-ref-eisprinzessin-9-3[9] die Munition vor Ostern 2017. Die Ermittler vermuteten, A. habe die Patronen bei SchieĂĂŒbungen der Bundeswehr gestohlen, indem er die Mengenangaben der verschossenen Munition manipulierte. Diese passte nicht zu der Pistole, die A. in Wien versteckt hatte.cite-ref-flade6sep2017-21-2[21]
Auch im Keller seiner Mutter hatte A. Munition und Waffen gelagert, angeblich fĂŒr den Kriegsfall. Kurz vor seiner Verhaftung hatte er an Mathias F. 167 Patronen fĂŒr das G36 ĂŒbergeben, die dem Gesetz ĂŒber die Kontrolle von Kriegswaffen unterlagen, und weitere 885 Patronen, die dem deutschen Waffengesetz unterlagen.cite-ref-nzz16apr2019-5-2[5] Die Ermittler beschlagnahmten bei ihm und F. zudem insgesamt 51 Ăbungshandgranaten, Rauch- und Nebelgranaten, die A. bei SchieĂĂŒbungen der Bundeswehr gestohlen haben soll. Ferner hatte er sich Informationen ĂŒber die Herstellung von Molotowcocktails, Handgranaten und das Darknet notiert.cite-ref-flade9jul2018-25-0[25]
Hitlerverehrung
In persönlichen Notizen aus seiner Jugend schrieb Franco A. zum Beispiel: âWer Adolf Hitler schlecht macht, ist ein LĂŒgnerâ. Hitler sei âeiner der bedeutendsten deutschen VolksfĂŒhrerâ. Wer FlĂŒchtlingsströme nach Deutschland lenke, mache sich der âRassenvernichtungâ schuldig.cite-ref-spon12dez2017-6-1[6] Er besaĂ Hitlers Mein Kampf und mehrere CDs mit nationalsozialistischen Liedern. In seinen Aufzeichnungen standen SĂ€tze wie âHitler steht ĂŒber allemâ. Es brauche eine âpolitisch wirksame Handlungâ, weil der Mensch auch âdie gröĂte Wahrheitâ nicht annehmen werde, wenn sie nicht mit einem âauslösenden Event verbundenâ sei.cite-ref-faz21nov2019-26-0[26]
In A.s Stube bei der Bundeswehr hing ein Poster mit einem Wehrmachtssoldaten an der Wand, dekoriert mit der Attrappe einer historischen Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg. In den Handschutz seines G36-Gewehrs bei der Bundeswehr hatte er ein Hakenkreuz eingeritzt.cite-ref-spon3mai2017-10-2[10] Auf dem GriffstĂŒck des Gewehrs befanden sich auch die eingravierten Insignien âH.Hâ (eventuell fĂŒr âHeil Hitlerâ) oder âHâŠJâ. Man fand in seinem Besitz eine gerahmte Pergamentrolle, die einen Wehrmachtssoldaten und zwei Zitate zeigt. Wie viele Soldaten diese Botschaften gesehen, aber nicht gemeldet hatten, blieb offen.cite-ref-27[27]
Bei einer Polizeikontrolle wĂ€hrend seines Grundwehrdienstes trug A. Springerstiefel, eine Bomberjacke und eine Visitenkarte mit einem Hitlerbild bei sich. In seiner Wohnung stapelte er FlugblĂ€tter der NPD und Kassetten der Neonazibands Wotan, Schuka und MĂ€rtyrer. Die Polizei informierte seine Vorgesetzten darĂŒber, dies blieb jedoch folgenlos.cite-ref-spon12mai2017-28-0[28]
Gewaltbereitschaft
Auf einem USB-Stick, den Franco A. bei seiner Festnahme in Wien bei sich trug, hatte er zwei Texte mit Anleitungen zur Sprengstoffherstellung gespeichert, nÀmlich das bei Neonazis beliebte Werk Der totale Widerstand von 1957 und das Mujahideen Explosives Handbook,cite-ref-29[29] das islamistische Terrorgruppen seit den 1990er Jahren verbreiteten. Ferner zeigten dutzende seiner in Audiodateien aufgezeichneten Selbstreflexionen seine durchgehende Gewaltbereitschaft. Die Ermittler vermuteten daher, dass A. nach dem zweiten Handbuch Bomben bauen, damit einen Anschlag begehen und so den Verdacht auf Islamisten lenken wollte.cite-ref-30[30]
Waffenbeschaffung
2016 kaufte Franco A. bei einem HĂ€ndler in VohenstrauĂ (Oberpfalz) Waffenteile, fĂŒr die man keine Waffenbesitzkarte braucht, und trainierte SchieĂen bei der lokalen SchĂŒtzengemeinschaft. Er benutzte viele verschiedene Konten. Im Oktober 2016 besuchte er einen âRangedayâ der âGerman Rifle Associationâ nahe der Grenze zu Tschechien. Bei seinen Besuchen in der Oberpfalz beobachteten Zeugen ihn mit mehreren Schusswaffen, darunter einem HK-G3-Schnellfeuergewehr mit aufmontiertem Zielfernrohr und zwei Pistolen. Zudem versuchte er, sich unregistrierte Waffen zu beschaffen. Die Ermittler fanden die bezeugten Waffen bis Dezember 2017 nicht, aber 167 Hartkerngeschosse und PatronenhĂŒlsen fĂŒr das HK G3, die dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegen. Er soll sie zum Teil in Hammelburg gestohlen haben.cite-ref-spon12dez2017-6-2[6] Zudem hatte Franco A. in seinen Papieren verschiedene Gewehrtypen und deren Preise auf dem Schwarzmarkt aufgelistet.cite-ref-spon9mai2017-31-0[31]
Umfeld
Nach Franco A.s Verhaftung bezeugten Bundeswehrsoldaten, schon seit der GrĂŒndung der deutsch-französischen Einheit in Illkirch habe es dort sowie von 2010 bis 2013 in Donaueschingen und Hammelburg ein ârechtsradikales Netzwerkâ gegeben. Unteroffiziere und Mannschaftssoldaten hĂ€tten ihre rechte Gesinnung offen gezeigt, etwa mit Parolen, und Soldaten osteuropĂ€ischer Herkunft vor Kameraden als âKanisterköpfeâ gedemĂŒtigt. Die Standortleiter seien trotz Beschwerden aus der Truppe dazu untĂ€tig geblieben.cite-ref-spon12dez2017-6-3[6]
Nach taz-Recherchen streuten Unbekannte 2012 ein Hakenkreuz auf den Boden der Illkircher Kaserne. Zwei dort stationierte Soldaten zeigten mehrfach den HitlergruĂ und wurden deshalb 2013 entlassen. Andere statteten einen Gemeinschaftsraum mit Wehrmachtsdevotionalien aus und versandten ein Hakenkreuz in einer Chatgruppe. Zu dieser gehörten Franco A. und Maximilian T. seit 2013 und waren ihren Illkircher Vorgesetzten wegen rechter VorfĂ€lle bekannt. T. lud A. damals zu Familienbesuchen nach StraĂburg und Hessen ein. Dabei wurde seine Schwester A.s Freundin.cite-ref-tazrisiko-20-1[20]
Im Juni 2014 nahm Maximilian T. an einer SchieĂĂŒbung in Grafenwöhr teil, bei der eine Pistole HK P8 verschwand.cite-ref-32[32] Im September 2015 meldete ein Zeuge dem MilitĂ€rischen Abschirmdienst (MAD), T. habe sich bei einem Diskothekenbesuch in Magdeburg ĂŒber die deutsche Asylpolitik beschwert und Mitstreiter unter Soldaten gesucht, um sich zu organisieren. Bei einem Verhör durch den MAD bestritt T. dies. Weil er keine Vorstrafen hatte und die Beteiligten betrunken gewesen sein sollen, stellte der MAD die Ermittlungen dazu ein.cite-ref-33[33] Wenn Franco A. nach Erding reisen musste, um als âDavid Benjaminâ Amtstermine wahrzunehmen, entschuldigte T. ihn bei Vorgesetzten im JĂ€gerbataillon 291 und erfand AusflĂŒchte fĂŒr seine Abwesenheit. So half er, A.s Doppelrolle als FlĂŒchtling zu verdecken.cite-ref-spon9mai2017-31-1[31]
Im Herbst 2016 besuchte Franco A. den rechtskonservativen âJagsthausener Kreisâ, in dem sich seit Jahrzehnten MilitĂ€rs, Geheimdienstler, Beamte und Wirtschaftsleute aus deutschsprachigen LĂ€ndern treffen. Redner waren dort unter anderen der AfD-Politiker Alexander Gauland und der neurechte Publizist Bruno Bandulet. Nach Aussage einer FĂŒhrungsperson des Kreises beteiligte sich A. rege an den Diskussionen nach den VortrĂ€gen. Daraufhin wurde er eingeladen, im Dezember 2016 beim âPreuĂenabendâ in MĂŒnchen selbst eine Rede zu halten.cite-ref-34[34] Vor einem ausgewĂ€hlten rechtsextremen Publikum, vor dem schon Holocaustleugner wie Bernhard Schaub geredet hatten, hielt A. einen Vortrag zum Thema: âDas neue SelbstverstĂ€ndnis der deutschen Konservativen als Zentralrat der Deutschen oder: Deutsche Konservative, die Diaspora im eigenen Landâ. Er griff damit die unter Rechtsextremen seit Jahren diskutierte Idee eines Zentralrats auf und wies diesem radikale Ziele zu: âAngriffe durch die Antifa inszenieren / VerrĂ€tern das Handwerk legen. [âŠ] System zu unseren Gunsten ausnutzen / SchlĂŒsselpositionen ausschalten oder es infiltrieren oder das ganze System zerreiĂen.â Laut dem Redemanuskript sprach er vom âabsoluten Triumph der Liebe ĂŒber dieses Teuflischeâ und bekannte sich dazu, Antisemit zu sein. Denn er dulde nicht, âdass eine Gruppe die Opferrolle fĂŒr ewig gepachtet hatâ. Es gehe ihm darum, das System zu Ă€ndern, das zulasse, âdass die autochthone Mehrheit völlig untergebuttert wirdâ. Er schwor das Publikum auf einen Kampf ein: âWir mĂŒssen selbst Hand anlegen und dazu haben wir jedes gottgegebene Recht.â Einen Tag spĂ€ter erhielt A. als vermeintlicher FlĂŒchtling âDavid Benjaminâ in Bayern âsubsidiĂ€ren Schutzâ zuerkannt.cite-ref-taz16mai2021-2-4[2]
Am 9. Mai 2017 verhaftete die Polizei Maximilian T. wegen mutmaĂlicher Beteiligung an A.s AnschlagsplĂ€nen und Hilfe bei der Registrierung als syrischer KriegsflĂŒchtling.cite-ref-35[35] Zuvor löschte T. laut Ermittlern alle persönlichen Daten auf seinem Smartphone.cite-ref-tazrisiko-20-2[20] Er ist Mitglied der AfD, die dies bis September 2017 bestritt.cite-ref-spon-1165675-36-0[36] Der AfD-Bundestagsabgeordnete Jan Nolte stellte T. im April 2018 als Mitarbeiter seines BundestagsbĂŒros ein. Damit erhielt T. Zugang zu Informationen und Unterlagen aus dem Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages, die sich mit seinem Fall befassen, denn Nolte war AfD-Vertreter in diesem Ausschuss.cite-ref-37[37]
Zu Franco A.s engeren Freunden, die seine rechtsextremen Ansichten kannten und teilten, zĂ€hlten die Ermittler im Mai 2017 mindestens sieben Personen, darunter einen Mann in StraĂburg, einen Leutnant der Reserve in Wien und zwei weitere Oberleutnants der Bundeswehr. Josef R. in Illkirch hatte an einer Chatgruppe rechtsradikaler Soldaten teilgenommen. Ralf G. in Augustdorf hatte nach Zeugenaussagen öfter Aussagen gemacht wie âKönigsberg war deutsch, ist deutsch und wird immer deutsch bleiben!â oder âWenn die FlĂŒchtlinge an der Grenze wenigstens Waffen hĂ€tten, dann könnten wir auf sie schieĂenâ. Ferner habe er geprahlt: âIn Illkirch gibt es eine Gruppe gewaltbereiter Offiziere, die Waffen und Munition sammeln, um im Fall eines BĂŒrgerkriegs auf der richtigen Seite zu kĂ€mpfen.â Er soll Maximilian T. gekannt haben.cite-ref-spon12dez2017-6-4[6] Wahrscheinlich kannte er auch Franco A., da er ebenfalls bis April 2017 eine EinzelkĂ€mpferausbildung in Hammelburg absolvierte.cite-ref-spon9mai2017-31-2[31] Die Bundeswehr suspendierte ihn bis zum 12. Mai 2017 vom Dienst und verbot ihm, Uniform zu tragen.
Den Oberleutnant Josef R. kannte A. aus seiner Offiziersausbildung. In einer Chatnachricht bot R. ihm âwas Leckeresâ an; vermutet wurde ein Code fĂŒr Munition. Zudem wurde bei R. unter anderem eine Nebelhandgranate der Bundeswehr gefunden. Der Generalbundesanwalt lieĂ den Anfangsverdacht der Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat gegen R. jedoch fallen. Die lokale hessische Staatsanwaltschaft ermittelt noch wegen Munitionsdiebstahl gegen ihn. Im MĂ€rz 2021 kandidierte R. fĂŒr die AfD bei den Kommunalwahlen in Hessen.cite-ref-taz16mai2021-2-5[2]
Notizen zu möglichen Anschlagszielen
Bei Maximilian T. fand man zwei DINA4-BlĂ€tter, auf denen unter der Ăberschrift âPolitik und Medienâ handschriftlich Politiker und Personen des öffentlichen Lebens und Organisationen aufgelistet waren, darunter BundestagsvizeprĂ€sidentin Claudia Roth, Ex-BundesprĂ€sident Joachim Gauck, BundesauĂenminister Heiko Maas, ThĂŒringens MinisterprĂ€sident Bodo Ramelow, der KĂŒnstler Philipp Ruch vom Zentrum fĂŒr politische Schönheit, Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung, der Zentralrat der Juden in Deutschland, der Zentralrat der Muslime und verschiedene antifaschistische Aktivisten,cite-ref-eisprinzessin-9-4[9] so die Abgeordnete Anne Helm (Die Linke).cite-ref-38[38]
In einem Taschenkalender von Franco A. aus dem Jahr 2015 fand sich ein zusammengefalteter Zettel mit denselben Namen wie auf den Zetteln von Maximilian T., verbunden mit handschriftlichen Kommentaren. Zu Claudia Roth schrieb er etwa: âLeute wie ihr saugen uns unser Volk aus, das mĂŒsst ihr bezahlen.âcite-ref-welt3u4mai2017-39-0[39] Man solle Roth darum lokalisieren und dazu ihre Social-Media-Konten bei Twitter oder Instagram beobachten.cite-ref-flade9jul2018-25-1[25]
Andere Stellen nannten mutmaĂliche Anschlagsziele, etwa âSprengung Rothschild-Stein in Frankfurtâ. Gemeint war eventuell der 1818 aufgestellte GĂŒterstein des jĂŒdischen Bankiers Amschel Mayer von Rothschild im Rothschild-Park in Frankfurt am Main. Ferner schrieb er: âGruppe Antifa: Granate Asylant werfen lassen, filmen. [âŠ] Polizeifunk abhören.â Darum wurde vermutet, dass er ein False-Flag-Attentat plante, das er Asylbewerbern anlasten wollte. Zur Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck, die in der rechtsextremen Szene als Dissidentin glorifiziert wird, notierte er: âWenn Frau Haverbeck ins GefĂ€ngnis, dann Befreiungsaktion.â Ursula Haverbeck war des Ăfteren wegen Volksverhetzung zu einer GefĂ€ngnisstrafe verurteilt worden, die sie bis 2017 jedoch nicht antreten musste. Zur tĂŒrkischen Rockergruppe Osmanen Germania BC kommentierte er: âBekĂ€mpfung Osmanen. Is nix anderes als von TĂŒrkei gesteuerte eingesickerte Armee.âcite-ref-welt3u4mai2017-39-1[39]
Die etwa 25 ListeneintrĂ€ge waren in Kategorien von A bis D eingeteilt, eventuell nach der PrioritĂ€t als Anschlagsziel. In Kategorie A waren unter anderen Maas und Gauck aufgefĂŒhrt.cite-ref-zeit10mai2017-13-2[13] Beim Eintrag zu Maas standen sein Geburtsort und die Adressen des Justizministeriums in Berlin und Bonn.cite-ref-spon12mai2017-28-1[28] Zu Kahane hatte sich Franco A. detaillierte Angaben notiert, ferner die Adressen weiterer prominenter FĂŒrsprecher einer liberalen FlĂŒchtlingspolitik. In seinem Handy befanden sich am 22. Juli 2016 erstellte Fotografien von vier parkenden Pkw, ihren Fahrzeugtypen, Farben und Kennzeichen. Die Fahrzeuge standen in einer Tiefgarage in der NovalisstraĂe in Berlin-Mitte und gehörten Mitarbeitern der Amadeu Antonio Stiftung, deren BĂŒro sich im GebĂ€ude befindet.cite-ref-rnd5sep2019-40-0[40] Ferner besaĂ er Lageskizzen von der Umgebung und den RĂ€umlichkeiten des GebĂ€udes. Auf einem Zettel mit Bezug zu Kahane soll er geschrieben haben, man könne noch nicht so handeln, wie man gerne wolle. Daraus schloss die Staatsanwaltschaft, er habe die Stiftung ausgekundschaftet und vor allem Anetta Kahane als Ziel eines Anschlags ins Auge gefasst.cite-ref-flade9jul2018-25-2[25] Sie und die Stiftung waren damals seit Jahren Ziel rechtsextremer Hassattacken im Internet.
Das BKA fand in Franco A.s NotizblĂ€ttern Hinweise auf einen im Jahr 2015 geplanten Weg: Er wollte mit einem auf ihn zugelassenen Motorrad von seinem Wohnort Offenbach aus nach Berlin und zurĂŒck fahren, dann mit einem Pkw ins Elsass und von dort nach Erding und Bayreuth in Bayern. Ferner notierte er sich Angaben zu drei französischen Karabinergewehren, eins davon eine Schrotflinte. Diese sollte ihm ein Komplize nach Berlin bringen.cite-ref-rnd5sep2019-40-1[40] Ferner fand das BKA in Franco A.s Notizen Angaben zum Kauf einer Schrotflinte und einer Filmkamera sowie Notizen zum Namen âXavierâ. Die Ermittler vermuteten, dass er in Berlin ein Attentat auf Anetta Kahane vorhatte, dieses (Ă€hnlich wie Brenton Tarrant beim Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, MĂ€rz 2019) filmen und mit Musik des in der rechten Szene beliebten SĂ€ngers Xavier Naidoo unterlegen, dann nach Erding fahren und seine Spuren im dortigen Asylbewerberwohnheim hinterlassen wollte.cite-ref-41[41]
BezĂŒge zum âHannibalâ-Netzwerk
2015 grĂŒndete der ehemalige Offizier und Ausbilder im Kommando SpezialkrĂ€fte (KSK) AndrĂ© S. unter dem Decknamen âHannibalâ ein Internetnetz von Chatgruppen, das Hannibal-Netzwerk. Es war analog zu den Wehrbereichen in Bezirke Nord, SĂŒd, Ost und West gegliedert. Seit Ende 2015 gehörte A. als âFrankiâ zur Telegramgruppe âSĂŒdâ. Gleich zu Beginn lieĂ AndrĂ© S. die Gruppenchats löschen, um zu verhindern, dass AuĂenstehende die gesendeten Botschaften als âregierungsfeindlich, rechtsextrem, putschistisch oder sonst wieâ einstufen wĂŒrden. Ab dann sollten nur noch die WortfĂŒhrer Botschaften fĂŒr die ĂŒbrigen Teilnehmer senden. AndrĂ© S. versorgte sie mit angeblich geheimen Informationen ĂŒber angebliche AngriffsplĂ€ne von Islamisten auf Kasernen. Man besprach MaĂnahmen fĂŒr den âTag Xâ eines erwarteten Staatszusammenbruchs und erörterte Szenarien als realistisch, wonach GeflĂŒchtete aus Syrien gemeinsam mit US-Söldnern und KĂ€mpfern der französischen Fremdenlegion Deutschland in eine Apokalypse stĂŒrzen wĂŒrden. Als eine E-Mail mit dem GruĂ âDEUTSCHLAND ERWACHE! HEIL, SEGEN UND SIEGâ auf Vorbehalte stieĂ, verteidigte A. die Wortwahl: âMoralisierungen, wie sie hier von dir betrieben werden, sind immer wieder aufs neue Grund fĂŒr beklemmten und unfreien Austausch. Davon sollte unsere Gruppe frei bleiben.â Am 31. Januar 2016 traf sich die SĂŒdgruppe in einem SchĂŒtzenhaus in Albstadt (Baden-WĂŒrttemberg). Die Mitglieder lieĂen auf Befehl von S. ihre Handys im Auto. Laut einem Teilnehmer berieten sie, ob die Soldaten unter ihnen im Ernstfall die Kasernen aufmachen wĂŒrden, um die anderen mit Waffen, Munition und Fahrzeugen zu versorgen. A. nahm an diesem konspirativen Treffen teil. Mindestens einmal besuchte er AndrĂ© S. in dessen Wohnung in Sindelfingen. Laut einem Zeugen aus dem KSK (âPetrusâ) kannte A. weitere KSK-Soldaten und galt im KSK als sehr intelligent.cite-ref-taz16mai2021-2-6[2]
AndrĂ© S. bildete ein Netzwerk von Preppern im ganzen Bundesgebiet. Auch A. war ein solcher Prepper und hortete unter anderem Benzinkanister, Tabak, Schnaps, Nebelgranaten und Ăbungshandgranaten. S. grĂŒndete ferner den Veteranen- und Reservistenverein Uniter mit. Dieser lieĂ fĂŒr besonders eingeweihte Mitglieder 125 AufnĂ€her (Patches) mit dem Vereinslogo anfertigen, einem Schwert und blauem T auf schwarzem Grund. Die Chatgruppe âSĂŒdâ wurde informiert, dass âPatches als Erkennungszeichenâ ausgeteilt worden seien. Sie sollten am âTag Xâ zum Erkennen von Kameraden dienen. Bei A. wurden zwei dieser AufnĂ€her gefunden. A. warb neue Mitglieder fĂŒr die SĂŒdgruppe, darunter den WaffenteilehĂ€ndler aus der Oberpfalz. Ihm erzĂ€hlte A. von seinem G3-Sturmgewehr, das er im Juli 2016 auf dem SchieĂstand des WaffenhĂ€ndlers eingeschossen haben soll. Er lud den HĂ€ndler in den Verein Uniter und die Gruppe âSĂŒdâ ein und erklĂ€rte ihm den Sinn der AufnĂ€her, am Tag X die Guten von den Bösen zu unterscheiden. Der Verein Uniter dementierte spĂ€ter, dass A. formal Mitglied gewesen sei.cite-ref-taz16mai2021-2-7[2]
In ihren Chats legte die Gruppe SĂŒd sichere RĂŒckzugsorte (Safe Houses) in SĂŒddeutschland fest, wo man sich am âTag Xâ treffen könne. Sie vereinbarte mindestens Treffpunkte in NĂŒrnberg, Ulm, Lenggries, Bad Tölz und die KSK-Kaserne in Calw. Anfang 2017 lieĂ S. alle Chatgruppen des Hannibalnetzwerks löschen, nachdem er von den Ermittlungen gegen A. erfuhr. Im spĂ€teren Verhör erklĂ€rte S., er habe die Richter, Beamten und Soldaten in den Chatgruppen vor dem Imageverlust schĂŒtzen wollen, der ihnen bevorstehe, wenn man sie mit A. in Verbindung brĂ€chte.cite-ref-42[42]
Ăber die Kontaktdaten von AndrĂ© S. entdeckten die Ermittler auch die Gruppe Nordkreuz. Zu ihren rund 50 Mitgliedern gehörten weitere Bundeswehrsoldaten, Polizisten, AnwĂ€lte, Kommunalpolitiker und andere. Ihre GrĂŒnder und AnfĂŒhrer fĂŒhrten ihrerseits Feindeslisten und planten laut Zeugenaussagen, gelistete Personen an einem âTag Xâ zu sammeln und zu ermorden.cite-ref-43[43] Hinweise fehlen, dass Franco A. âNordkreuzâ kannte. Doch sein Offizierskamerad Marcel G. war ein langjĂ€hriger Vertrauter von AndrĂ© S. und an der GrĂŒndung des Vereins Uniter beteiligt. Ein weiterer Kamerad von Franco A. gehörte zum Prepperchat âOstâ des Hannibalnetzwerks und galt zeitweise ebenfalls als terrorverdĂ€chtiger Soldat. A. teilte mit dieser Prepperszene die Erwartung eines âTages Xâ, an dem angeblich GeflĂŒchtete das Land ĂŒberrennen wĂŒrden. Vermutet wurde daher, dass A. sich als syrischer FlĂŒchtling ausgab und einen Anschlag plante, um den erwarteten âTag Xâ herbeizufĂŒhren.cite-ref-44[44]
Zur Telegramchatgruppe âSĂŒdâ gehörten neben A. und dem WaffenteilehĂ€ndler knapp 60 sĂŒddeutsche Prepper, vor allem Polizisten und Soldaten mit Zugang zu Kriegswaffen. Anders als bei der Gruppe Nordkreuz wurde bis zu Franco A.s Strafprozess jedoch kaum gegen die SĂŒdgruppe ermittelt. Bayerns Verfassungsschutz und LKA hatten kaum Kenntnisse ĂŒber Franco A.s AktivitĂ€ten in Bayern und sandten dem BfV bei den Ermittlungen gegen A. keine Akten dazu.cite-ref-45[45]
Folgen
BundeswehrfĂŒhrung
Am 29. April 2017 erklĂ€rte das Bundesministerium der Verteidigung dem Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags: Der Soldat Franco A. sei frĂŒher nicht als rechtsextrem aufgefallen, zu seinem politischen Hintergrund sei nichts bekannt. Am Folgetag rĂ€umte die BundeswehrfĂŒhrung ein, dass er schon 2014 wegen seiner rechtsextremen Masterarbeit aufgefallen war.
Nachdem sie davon Kenntnis erhalten hatte, sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am 30. April 2017: Die Bundeswehr habe âein Haltungsproblemâ und âoffensichtlich eine FĂŒhrungsschwĂ€che auf verschiedenen Ebenen.â Zudem gebe es einen âfalsch verstandenen Korpsgeistâ. Die wiederholten VorfĂ€lle in der Truppe wĂŒrden schöngeredet und es werde weggeschaut.cite-ref-46[46] Dabei bezog sie sich auch auf sexuelle Ăbergriffe an verschiedenen Bundeswehrstandorten, die sie hatte untersuchen lassen. Sie lud Obleute der Bundestagsfraktionen fĂŒr eine Unterrichtung zu dem Fall ins Verteidigungsministerium ein. Laut Beobachtern wollte sie damit den politischen Schaden in Grenzen halten.
Von der Leyens Kritik rief heftige Reaktionen in der Bundeswehr hervor. AndrĂ© WĂŒstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbands, berichtete von vielen verunsicherten, wĂŒtenden oder verstĂ€ndnislosen Nachfragen. Viele Soldaten verwiesen auf die FĂŒhrungsverantwortung ihrer Chefin. Sie mĂŒsse dringend offenlegen, wie sie zu ihrer Kritik gekommen sei. Diese wurde hĂ€ufig als unberechtigter Generalverdacht empfunden.cite-ref-47[47] Der ehemalige deutsche NATO-General Egon Ramms gab der Ministerin teilweise Recht und forderte, die Vorgesetzten von Franco A. akribisch zu ĂŒberprĂŒfen. Ramms hatte zuvor die Personalauswahl im Heer bemĂ€ngelt: Diese fördere eher das âJa-Sagertumâ als den kritischen StaatsbĂŒrger in Uniform.
Am 2. Mai sagte Ursula von der Leyen einen USA-Besuch ab, um sich ganz der AufklĂ€rung des Falles Franco A. zu widmen. Sie besuchte mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr Volker Wieker das Regiment in Illkirch und setzte ein Treffen mit hundert hohen militĂ€rischen FĂŒhrungskrĂ€ften an, um die Folgen aus diesem und weiteren damaligen Bundeswehrskandalen zu besprechen.cite-ref-spon2mai2017-48-0[48] In ihrem Auftrag richtete die Bundeswehr am 2. Mai 2017 eine interne schnelle Ermittlungsgruppe ein. Diese legte schon am nĂ€chsten Tag erste Hinweise fĂŒr ein UnterstĂŒtzernetzwerk von Franco A. vor.cite-ref-spon3mai2017-10-3[10] Sie stellte fest, dass Franco A. eventuell Bundeswehrmunition bei einer von ihm geleiteten SchieĂĂŒbung gestohlen hatte. Wie viele Kameraden ihn dabei gedeckt und unterstĂŒtzt hatten, lieĂ Volker Wieker offen; einige Namen seien inzwischen bekannt.cite-ref-spon2mai2017-48-1[48]
Beim Besuch von der Leyens und Wiekers in Illkirch wurden in einem Freizeitraum der Soldaten zahlreiche Wehrmachtsdevotionalien entdeckt. Weitere fand man in einer Kaserne in Donaueschingen. Am 5. Mai befahl der Generalinspekteur daher allen Inspekteuren und PrĂ€sidenten der Bundeswehr, die Einhaltung der Regeln zum TraditionsverstĂ€ndnis in Bezug auf Nationalsozialismus und Wehrmacht zu untersuchen. Am 7. Mai ordnete er an, alle dienstlichen BundeswehrgebĂ€ude nach Wehrmachtsandenken zu durchsuchen und ihm bis zum 9. Mai einen Zwischenbericht, bis zum 16. Mai das Ergebnis vorzulegen. Am 7. Mai forderte die Verteidigungsministerin von allen Soldaten âvom General bis zum Rekrutenâ mutige UnterstĂŒtzung bei der Aufarbeitung der VorfĂ€lle. Es gehe um den âRuf unserer Bundeswehrâ. Weil diese Menschen an der Waffe ausbilde, gĂ€lten fĂŒr sie zu Recht schĂ€rfere MaĂstĂ€be: âEin 'Weiter so' kommt nicht infrage.â Beim Treffen der FĂŒhrungskrĂ€fte erklĂ€rte sie, es könne angesichts der aktuellen FĂ€lle von HerabwĂŒrdigung, Schikane und eindeutigem Rechtsextremismus nur noch um lĂŒckenlose AufklĂ€rung und weitreichende Konsequenzen gehen. Zugleich erkannte sie an, dass in der Bundeswehr jeden Tag RegelverstöĂe korrekt geahndet wĂŒrden.cite-ref-49[49]
Nach Angaben von der Leyens fand man bei der Durchsuchung bis zum 12. Mai 41 Wehrmachtsandenken, darunter Wandbilder und MĂŒnzen mit Wehrmachtsmotiven, auch aus der NS-Zeit. Ein Logistikbataillon habe GedenkmĂŒnzen mit fragwĂŒrdigen Motiven eigens prĂ€gen lassen und sie zu offiziellen AnlĂ€ssen verliehen. Nur in Illkirch aber sei ein Raum mit Wehrmachtshelmen und Landserbildern ausgeschmĂŒckt worden. â Nach Medienberichten wurden bei der ĂberprĂŒfung auch ein Wehrmachtsfoto von Altkanzler Helmut Schmidt (SPD), eine Rotkreuzflagge des Zweiten Weltkriegs von 1945 und Bilder von Wehrmachtssoldaten, die GroĂvĂ€ter heutiger Soldaten waren, abgehĂ€ngt. Vermutet wurde, dass viele Wehrmachtsandenken vor Beginn der ĂberprĂŒfung versteckt und vom Erlass mitbetroffene harmlose Andenken absichtlich der Lokalpresse berichtet wurden. Sinn und VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit der Aktion, die von der Leyen âSĂ€uberungsprozessâ nannte, blieben umstritten.cite-ref-welt17mai2017-50-0[50] Ferner wurde eine Ăberarbeitung des Traditionserlasses der Bundeswehr angekĂŒndigt.cite-ref-51[51]
Bis Ende Mai 2017 fanden Kontrolleure bei unangemeldeten Besuchen rund 400 MilitĂ€rdevotionalien in Bundeswehrkasernen. Die vom Bundestag angeforderte Liste der Funde enthielt Helme, Uniformen, Gewehre, Panzermodelle, SĂ€bel und Schwerter, die teilweise mit Hakenkreuzen und anderen WehrmachtsbezĂŒgen versehen waren und unter das geltende Traditionsverbot fielen. Sie wurden entfernt und DisziplinarmaĂnahmen dazu wurden eingeleitet. Andere Funde wurden in militĂ€rhistorische Sammlungen ĂŒbernommen, an EigentĂŒmer zurĂŒckgegeben oder nach PrĂŒfung wieder aufgehĂ€ngt. Welche Kasernen durchsucht worden waren, zeigte die Liste nicht; diese Information sollte dem Bundestag nachgereicht werden.cite-ref-52[52]
Am 14. Mai 2017 schlug die Verteidigungsministerin vor, nach Wehrmachtsoffizieren benannte Kasernen umzubenennen. Die Bundeswehr solle sich nach innen und auĂen klarer von der Wehrmachtstradition absetzen. Sie griff damit eine Initiative ihres AmtsvorgĂ€ngers Thomas de MaiziĂšre auf, die folgenlos geblieben war, und rĂŒckte von ihrer bisherigen Linie ab: Bis dahin hatte sie den seit 1982 geltenden Traditionserlass unverĂ€ndert beibehalten und die wiederholt aus der Opposition geforderte Umbenennung aller Kasernen mit Namensgebern aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg abgelehnt. Wegen des Falls Franco A. wollte sie nun ein neues Programm âInnere FĂŒhrung heuteâ auflegen und den Traditionserlass ĂŒberarbeiten lassen. Der Leiter der GedenkstĂ€tte Deutscher Widerstand Johannes Tuchel begrĂŒĂte die Initiative als âĂŒberfĂ€lligâ: Bundeswehrkasernen sollten âlieber nach Soldaten benannt werden, die im Widerstandâ gegen den Nationalsozialismus bzw. gegen Hitler waren.cite-ref-53[53]
Mitte Mai 2017 lieĂ die Verteidigungsministerin Ermittlungen und Disziplinarverfahren gegen Generalmajor Werner Weisenburger, den Chef des StreitkrĂ€fteamts, und seinen damaligen Rechtsberater Stephan Hedrich einleiten. Der Rechtsberater und der damalige Vorgesetzte von Franco A. hatten seine Akte trotz Windecks und Echternkamps Hinweisen 2014 geschlossen und den zustĂ€ndigen MAD nicht ĂŒber ihn informiert.cite-ref-54[54] Volker Wieker kritisierte dieses Verhalten als âMuster des Wegschauensâ bei der Bundeswehr gegenĂŒber mutmaĂlich rechtsextremen Soldaten.cite-ref-55[55] Der MAD erklĂ€rte im Juni, im Fall einer Meldung hĂ€tte man Franco A. als Extremisten eingestuft und nachrichtendienstlich ĂŒberprĂŒft.cite-ref-spon3jun2017-18-1[18]
Im Januar 2018 stellte das Verteidigungsministerium die Disziplinarverfahren jedoch ein: Der Vorwurf eines schuldhaften Dienstvergehens habe sich nicht bestÀtigt. Weisenburger war bis dahin in Pension gegangen, sein Rechtsberater war versetzt worden.cite-ref-56[56]
Franco A. bezieht seit seiner Freilassung reduzierten Wehrsold, weil die Bundeswehr ihn vom Dienst freistellte, aber nicht entlieĂ.cite-ref-nzz16apr2019-5-3[5] Maximilian T. arbeitet weiter bei der Bundeswehr, inzwischen auf dem TruppenĂŒbungsplatz Altmark im GefechtsĂŒbungszentrum Heer.cite-ref-tazrisiko-20-3[20]
MilitÀrischer Abschirmdienst
Der MAD erhielt vor dem Fall Franco A. durchschnittlich 400 Meldungen ĂŒber Extremisten in der Bundeswehr, darunter fast nur Rechtsextreme. Er leitete nur gegen einen geringen Teil davon Verfahren ein und entlieĂ jĂ€hrlich meist nur wenige. 2015 wurden neun rechtsextreme Soldaten und ein Islamist entlassen. Bis Ende April 2017 verfolgte der MAD 280 rechtsextreme VerdachtsfĂ€lle, rund 100 davon aus dem Jahr 2017. Die meisten Hinweise kamen von anderen Soldaten. Zu Franco A. kam in seiner achtjĂ€hrigen Bundeswehrlaufbahn kein einziger Hinweis. Erst nach seiner Verhaftung machte ein Zeuge aus Franco A.s Offizierslehrgang von 2014 seine rechtsextreme Masterarbeit bekannt. Daher wird vermutet, dass seine Vorgesetzten ihn trotz Kenntnis seiner Gesinnung jahrelang deckten. Auch bei zwei ĂŒblichen SicherheitsprĂŒfungen fand der MAD nichts ĂŒber ihn. In Datenbanken der Polizei und des Verfassungsschutzes lag nichts gegen ihn vor. Dennoch soll der MAD seitdem alle Bewerber bei der Bundeswehr ĂŒberprĂŒfen und dazu auch Datenbanken anderer Sicherheitsbehörden abfragen dĂŒrfen.cite-ref-57[57]
Am 19. April 2017 befragte der MAD Franco A. zu seinen inzwischen ermittelten rechtsextremen Chatbotschaften. Dabei wich er den Fragen nach seiner Gesinnung aus und wiederholte seine Angaben, dass er die in Wien versteckte Pistole zufÀllig entdeckt habe.cite-ref-spon27apr2017-22-1[22]
Bei den Ermittlungen zu Franco A.s Umfeld ĂŒberprĂŒfte der MAD mehrere FĂ€lle von Waffendiebstahl in der Bundeswehr, darunter die Entwendung von zwei G36-Sturmgewehren und mehreren Pistolen aus einem Panzer im Januar 2017 sowie von zwei G36-Sturmgewehren und einer Pistole P8 aus einem Transportpanzer im Februar 2017.cite-ref-58[58] Bei letzterem Fall war laut MAD ein Student der BundeswehruniversitĂ€t MĂŒnchen anwesend, der telefonischen Kontakt zu Franco A. pflegte. Der MAD beobachtete ihn und drei weitere MĂŒnchner Studenten wegen möglicher Kontakte zu den rechtsextremen âIdentitĂ€renâ, die eine Ă€hnliche Ideologie vertreten wie Franco A. in seiner Masterarbeit. Weitere elf Soldaten hatten laut MAD Kontakte zur tendenziell rechtsextremen Burschenschaft Danubia.cite-ref-welt17mai2017-50-1[50]
Von Ende April bis Ende Mai 2017 erhielt der MAD 57 Meldungen zu mutmaĂlich rechtsextremen VorfĂ€llen in der Bundeswehr. Einige sollen Jahre vor dem Fall Franco A. stattgefunden haben. Der MAD vermutete ein rechtsextremes Netz unter den rund 3000 Studenten der BundeswehruniversitĂ€t MĂŒnchen. Nach PrĂŒfung einiger Meldungen entlieĂ die UniversitĂ€t Ende Mai 2017 zwei OffiziersanwĂ€rter fristlos. Sie waren Ende 2016 und Anfang 2017 mit juden- und auslĂ€nderfeindlichen SprĂŒchen und Naziparolen wie âHeil Hitlerâ aufgefallen. Einer davon hatte ĂŒber Facebook Kontakt zu einem anderen Soldaten, der Franco A. und Maximilian T. gut kannte.cite-ref-59[59]
Bis Ende 2017 wurden dem MAD 379 neue rechtsextreme VerdachtsfĂ€lle gemeldet, darunter das Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole, rassistische Aussagen und Mitgliedschaft in verbotenen Organisationen. Der MAD bewertete 2017 sechs Personen als Rechtsextremisten und deutete den Anstieg der Meldungen nicht als Indiz fĂŒr mehr rechtsextreme Soldaten, sondern als Ausdruck gewachsenen Problembewusstseins. Laut MAD wurden vor Aussetzung der Wehrpflicht (2011) pro Jahr durchschnittlich 600 rechtsextreme VerdachtsfĂ€lle, danach 300 gemeldet. Davon hĂ€tten sich durchschnittlich 4 pro Jahr, in den letzten Jahren jedoch 40 pro Jahr bestĂ€tigt. Seit Juli 2017 ĂŒberprĂŒft der MAD alle Bewerber der Bundeswehr. Von 7400 ĂŒberprĂŒften Personen wurden bisher vier abgelehnt.cite-ref-60[60]
Infolge der Kontakte Franco A.s zu rechtsextremen Preppern im KSK grĂŒndete der MAD im Sommer 2019 eine Arbeitsgruppe, die Meldungen zu Rechtsextremismus im KSK nachgehen und AnhĂ€nger der Prepperszene enttarnen sollte. Im September 2019 ermittelte diese Gruppe zu 24 VerdachtsfĂ€llen beim KSK. Bis Dezember 2019 enttarnte der MAD mindestens zwei rechtsextreme KSK-Offiziere, die nach einem Pressebericht suspendiert wurden. Einer war als langjĂ€hriger Unteroffizier an mehreren AuslandseinsĂ€tzen beteiligt. Ein Stabsoffizier soll bei einer Privatfeier des Unteroffiziers den HitlergruĂ gezeigt haben. Ein weiterer bei der Feier anwesender Stabsoffizier gilt als Verdachtsfall. Ob die rechtsextreme Ăberzeugung der Offiziere vorher aufgefallen, aber nicht gemeldet worden war, wollte der MAD ebenfalls prĂŒfen.cite-ref-61[61]
Bundestag
FĂŒr den Wehrbeauftragten des Bundestages Hans-Peter Bartels (SPD) ist die Bundeswehr fĂŒr Rechtsextreme âstrukturell anfĂ€lligerâ als andere Bereiche der Gesellschaft. âHierarchien, Waffen, Uniform â das zieht manchen Bewerber an, den die Bundeswehr nicht haben wollen kannâ, erklĂ€rte er. Ab Juni 2017 wĂŒrden alle neuen Rekruten einer SicherheitsĂŒberprĂŒfung durch den MAD unterzogen, um islamistische oder rechtsextreme HintergrĂŒnde zu erkennen.cite-ref-62[62]
Die PrĂŒfung war jedoch schon vor dem Rechts-Terror-Verdachtsfall beschlossen worden. In der Debatte um Rechtsextreme in der Bundeswehr sah er von der Leyen in der Verantwortung: âDie Bundeswehr hat jede Menge Probleme [âŠ], aber wenn Frau von der Leyen nun sagt, es gĂ€be ein FĂŒhrungsproblem, dann muss man natĂŒrlich sagen: FĂŒhrung fĂ€ngt oben an.âcite-ref-63[63]
Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, sagte: âBei allem Negativen: Das Positive ist, dass man ihn geschnappt hat.â Wenn es keinen Bericht dazu gebe, werde die SPD im Verteidigungsausschuss nach Informationen dazu fragen.cite-ref-64[64]
BAMF
Wegen der Fehlentscheidung zu Franco A. lieĂ das BAMF ab Mai 2017 stichprobenartig 2000 von Januar 2016 bis zum 27. April 2017 positive Asylbescheide zu Syrern und Afghanen ĂŒberprĂŒfen, ferner alle Verfahren, an denen der Anhörer, die Dolmetscherin und der Entscheider des Falls Franco A. beteiligt waren.cite-ref-65[65]
Die PrĂŒfer dieser FĂ€lle beurteilten 295 von 1600 Entscheidungen zu Syrern und 185 von 400 Entscheidungen zu Afghanen als ânicht plausibelâ. In jeweils rund einem Drittel dieser FĂ€lle zeigten die Akten nicht, ob die Staats- oder Volkszugehörigkeit der Bewerber hinreichend aufgeklĂ€rt wurde. Als Ursache dieser Fehler nannte das BAMF die verkĂŒrzte Schulung vieler neu eingestellter Mitarbeiter bei gleichzeitigem hohen Erledigungsdruck. Sicherheitsstandards wurden bei den ĂŒberprĂŒften Verfahren laut Innenminister Thomas de MaiziĂšre nicht verletzt. Jedoch lieĂ er die ohnehin vorgesehene PrĂŒfung von rund 80.000 bis 100.000 positiven Asylentscheidungen wegen der gefundenen anderen MĂ€ngel vorziehen.cite-ref-66[66]
Verhalten des HauptverdÀchtigen
Seit seiner Freilassung Ende November 2017 trat Franco A. öfter öffentlich auf. Um die Jahreswende 2018/2019 suchte er Kontakt zu verschiedenen politischen Gruppen in Berlin, darunter zu einem GesprĂ€chskreis der âNachDenkSeitenâ und zu einer Bezirksgruppe der Partei âDie Linkeâ. Personen, die er dabei traf, empfanden ihn als âmanipulativâ und âeinnehmendâ.
Im April 2019 gewĂ€hrten seine Angehörigen (Bruder, Mutter und Freundin) Journalisten ein ausfĂŒhrliches Interview. Dieses veröffentlichte die Neue ZĂŒrcher Zeitung als dreiteiliges PersonenportrĂ€t und gab dabei seine Eigendarstellung wieder.
Am 8. September 2019 besuchte Franco A. den âTag der Ein- und Ausblickeâ im Bundestag und unterhielt sich mit Abgeordneten mehrerer Fraktionen, bis er erkannt und von der Bundestagspolizei befragt wurde. Laut der neurechten Zeitung Junge Freiheit hatte sein ehemaliger Freund Maximilian T. ihn erkannt und gemeldet. Dessen Vorgesetzter Jan Nolte (AfD-MdB) feierte dies danach auf Facebook als Erfolg seines Mitarbeiters.cite-ref-67[67]
Im Mai 2021, kurz vor Beginn seines Strafprozesses, gab Franco A. dem staatlichen russischen Propagandasender RT Deutsch ein ausfĂŒhrliches Interview, in dem er beklagte, er werde grundlos strafverfolgt. Er stellte sich als verfassungstreuer Soldat dar, dem es âabsolut fernâ liege, die Bundesrepublik mit AnschlĂ€gen zu erschĂŒttern. Im Sommer 2021 schrieb sich A. als Student fĂŒr Rechtswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt am Main ein.cite-ref-faz11aug2021-68-0[68] Im Juli 2021 fragte der Frankfurter AStA die UniversitĂ€tsleitung, weshalb sie das nicht bekannt gemacht habe. A.s Einschreibung löse nach den neueren TerroranschlĂ€gen Verunsicherung und Angst unter Studenten aus. Die Unileitung mĂŒsse sie auch im Fall eines Freispruchs fĂŒr A. schĂŒtzen.cite-ref-69[69]
Gerichtsverfahren
Maximilian T.
Am 5. Juli 2017 hob der BGH den Haftbefehl gegen Maximilian T. auf, da er seine Beteiligung an dem vermuteten Anschlagsplan fĂŒr unwahrscheinlich hielt. Gegen den Vorwurf, T. sei mit Franco A. nach Wien gereist, um jene Pistole zu besorgen, verwiesen seine AnwĂ€lte darauf, dass er schon durch die Sicherheitsschleuse des Wiener Flughafens gegangen sei, bevor Franco A. die Waffe versteckt habe. Die bei ihm gefundene Namensliste enthalte keine Hinweise, dass er AnschlĂ€ge auf die genannten Personen verĂŒben wollte. Die Aufhebung des Haftbefehls fĂŒr T. gefĂ€hrdete auch die Anklage gegen Franco A. und verstĂ€rkte die Zweifel, ob die drei Inhaftierten tatsĂ€chlich einen gemeinsamen Anschlag planten oder ob Franco A. sich aus anderen GrĂŒnden als Asylbewerber ausgab, Waffen und Munition besorgte.cite-ref-70[70] Dass Maximilian T. beim Asylbetrug von Franco A. geholfen haben könne, sah der BGH nicht entkrĂ€ftet. So soll er seinen Freund gegenĂŒber den Bundeswehrvorgesetzten entschuldigt haben, wenn dieser vom Dienst fernblieb, um in Bayern seine staatlichen Leistungen als Asylbewerber abzuholen. Am 18. Januar 2016 etwa soll Maximilian T. die Abwesenheit von Franco A. mit einer âAutopanneâ begrĂŒndet haben.cite-ref-flade4sep2017-71-0[71] Im Oktober 2018 stellte die Bundesanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Maximilian T. ein, ohne Anklage zu erheben.cite-ref-72[72]
Mathias F.
Nachdem Mathias F. umfangreich ausgesagt hatte, setzte die Bundesanwaltschaft seine Untersuchungshaft im September 2017 aus, da sie bei ihm keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr mehr sah. Ihm drohte weiterhin mindestens eine Anklage wegen des VerstoĂes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Waffengesetz. Die Vermutung einer ârechten Terrorzelleâ in der Bundeswehr lieĂ sich bis dahin jedoch nicht genug erhĂ€rten. Die Besondere Aufbauorganisation (BAO) âAliasâ hatte tausende Chatnachrichten, Fotos, Handyvideos und Dokumente der drei VerdĂ€chtigen und weiterer Chatbeteiligter ausgewertet. Konkrete AnschlagsplĂ€ne fanden sie laut Medienberichten nicht, jedoch das Schweizer Handbuch fĂŒr Guerillataktiken, die islamistische Bombenbauanleitung und jene Notizen mit Hinweisen auf mögliche Anschlagsszenarien und potenzielle Zielpersonen. Der Generalbundesanwalt setzte das Verfahren fort.cite-ref-flade4sep2017-71-1[71]
Im September 2019 vor dem Landgericht GieĂen rĂ€umte Mathias F. einige AnklagevorwĂŒrfe ein. Er kenne Franco A. aus Teenagerzeiten aus dem Ruderverein und sei mit ihm zur Bundeswehr gegangen. Er habe sich jedoch ausmustern lassen und Franco A. danach gelegentlich in Frankreich in der Kaserne besucht. 2016 habe ihm Franco A. von seiner ScheinidentitĂ€t als syrischer Asylsuchender erzĂ€hlt und angegeben, er wolle âSicherheitslĂŒcken im Systemâ aufdecken. Dies habe er akzeptiert. Nach Franco A.s kurzzeitiger Festnahme in Wien habe er auf dessen Wunsch sein Buchexemplar von Hitlers Mein Kampf fĂŒr ihn aufbewahrt. Am 13. April 2017 habe Franco A. ihn gebeten, zwei Munitionskisten, einen Eimer mit PatronengĂŒrteln und Sprengsatzteile aus dem Keller seines Elternhauses fĂŒr ihn aufzubewahren, bis er weniger Probleme habe. Er habe aus Mitleid eingewilligt und die Munition in seinem Studentenzimmer verstaut. Er habe A. als Sammler von MilitĂ€rgegenstĂ€nden wahrgenommen und nicht nachgefragt, woher die Munition stammte.
Am 13. September 2019 lieĂ Franco A. als geladener Zeuge mitteilen, er beanspruche sein Auskunftsverweigerungsrecht und werde nicht erscheinen. TatsĂ€chlich setzte er sich jedoch getarnt unter die Zuhörer. Als der Verteidiger von Mathias F. auf seine Anwesenheit hinwies, rief er, er habe geglaubt, als eingeladener Zeuge dĂŒrfe man zuhören, und floh mit dem Ruf âIch verzichteâ aus dem Saal.cite-ref-spon19mai2021-73-0[73]
Im Prozess wurde nachgewiesen, dass die von F. versteckte Munition aus BundeswehrbestĂ€nden stammte und bei Ăbungen entwendet worden war, an denen Franco A. und zwei weitere Offiziere teilgenommen hatten. Da auf den Kisten âBundeswehrâ stand, glaubte das Gericht nicht, dass F. die Herkunft nicht bekannt war. Zudem wusste er, dass Franco A. in Wien eine Waffe versteckt hatte und dass er ein weiteres Gewehr und eine Pistole besaĂ. Wie die Munition entwendet und unbeobachtet aus der Kaserne zu Franco A. und dann zu Mathias F. gebracht worden war, lieĂ sich nicht aufklĂ€ren. Nachgewiesen wurde, dass F. sich in Chats mit A. rassistisch und antisemitisch geĂ€uĂert und dieser ihn wegen möglicher Ăberwachung zur Vorsicht ermahnt hatte. Ferner hatte er mit ihm ĂŒber ein âCarbonradâ gesprochen, das er gern ausprobieren wĂŒrde. Gemeint war eine Bogenwaffe. Dies, so Ă€uĂerte F. in einem anderen Chat, bleibe solange verborgen, bis der Krieg ausbreche. Dass beide ĂŒber AnschlagsplĂ€ne sprachen, lieĂ sich jedoch nicht nachweisen. Das Gericht sah keinen Zusammenhang zwischen dem Munitionsdiebstahl, den Chataussagen und TerrorplĂ€nen. Jedoch erklĂ€rte der Richter: âWer solche menschenverachtenden, rassistischen Sachen kundtut, gerade in dem Wissen, dass es gar kein anderer mitkriegt, tut vielleicht auch das kund, was er wirklich denkt.â Am 16. September 2019 verurteilte das Landgericht F. zu einer Haftstrafe von einem Jahr auf BewĂ€hrung und zu einer Geldstrafe von 2500 Euro fĂŒr eine FlĂŒchtlingshelferorganisation.cite-ref-74[74] Das Urteil wurde rechtskrĂ€ftig, so dass F. als möglicher Zeuge im Verfahren gegen Franco A. kein Auskunftsverweigerungsrecht hatte.cite-ref-spon19mai2021-73-1[73]
Franco A.
Am 29. November 2017 hob der BGH den Haftbefehl gegen Franco A. zunĂ€chst auf, weil ein dringender Tatverdacht fĂŒr ein Attentat auf eine Person des öffentlichen Lebens nicht wahrscheinlich genug sei.cite-ref-75[75] Am 12. Dezember 2017 erhob die Bundesanwaltschaft gegen A. Anklage.cite-ref-76[76] Das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) lehnte die Eröffnung eines Hauptverfahrens wegen ungenĂŒgender Indizien jedoch ab: Es sei zwar ĂŒberwiegend wahrscheinlich, dass A. sich zwei Pistolen, zwei Gewehre und 51 Sprengkörper beschafft und aufbewahrt hatte, nicht aber, dass er dabei schon fest zum Begehen einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Straftat entschlossen war.cite-ref-77[77] Der Beschluss wurde als âseltsame Nachsicht der Justizâ gegenĂŒber terrorverdĂ€chtigen Bundeswehrsoldaten kritisiert.cite-ref-78[78] Nach sofortiger Beschwerde der Bundesanwaltschaft entschied der BGH am 19. November 2019, dass das OLG die Anklage annehmen musste. Ausschlaggebend dafĂŒr waren weitere Belege fĂŒr Franco A.s ânationalistische / völkische, antisemitische und letztlich rechtsextremistische Einstellungâ und mögliche Anschlagsvorbereitung.cite-ref-faz21nov2019-26-1[26]
Die Anklage des Generalbundesanwalts umfasste
âą VerstöĂe gegen das Waffengesetz, das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Sprengstoffgesetz,
âą Betrug, indem A. sich als syrischer BĂŒrgerkriegsflĂŒchtling âDavid Benjaminâ fast 10.000 Euro nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und dem Sozialgesetzbuch erschlichen hatte,
âą Vorbereitung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat: A. habe einen Mord an einer prominenten Person geplant, eventuell Claudia Roth, Heiko Maas oder Anetta Kahane, und diesen mit seiner gefĂ€lschten syrischen IdentitĂ€t Asylbewerbern in die Schuhe schieben wollen. Dazu habe er mit erheblichem organisatorischen Aufwand ein Doppelleben als auszubildender OffiziersanwĂ€rter und syrischer KriegsflĂŒchtling gefĂŒhrt.cite-ref-79[79] FĂŒr den Mordplan sprĂ€chen A.s Notizen zu den Zielpersonen, die Lageskizze der Amadeu Antonio Stiftung, die Handyfotografien von den in der Tiefgarage der Stiftung geparkten Autos, die funktionstĂŒchtige und geladene Pistole, die sich A. in Wien besorgt habe, um sie nach Deutschland zu schmuggeln.cite-ref-spon19mai2021-73-2[73] Das Flussdiagramm (âOffenbach -> Schrotflinte/Zug Berlin -> Motorrad Berlin -> Motorrad StraĂburg -> Auto Bayreuth -> Erdingâ) deuteten die Ermittler als grobe Ablaufskizze fĂŒr einen Anschlag: A. habe mit dem Motorrad nach Berlin fahren, sich seine Waffe mit der Bahn dorthin transportieren lassen, dann zurĂŒck in seine gemeldete Wohnung nach StraĂburg, spĂ€ter weiter nach Erding in die auf Benjamin David gemeldete Unterkunft fahren wollen. Auf demselben Blatt standen biografische Stichpunkte zu Heiko Maas und Anetta Kahane und die handgezeichnete StraĂenkarte von der Umgebung der StiftungsbĂŒros. Der Prozess sollte unter anderem klĂ€ren,
âą warum A. laut dem vermuteten Ablaufplan nach Erding fahren wollte, wo die Polizei nach ihm suchen wĂŒrde,
âą warum die fĂŒr ein Attentat geeignete geladene Wiener Pistole in den Notizen fehlte,
âą wofĂŒr er diese Pistole brauchte und warum er sie am stark ĂŒberwachten Flughafen Wien deponiert hatte,
âą wozu er Anleitungen zum Bombenbau heruntergeladen hatte,
⹠welche Rolle seine Kontakte zum Hannibal-Netzwerk von André S. spielten,
⹠wie weit fortgeschritten und konkret seine PlÀne waren.cite-ref-80[80]
In der ersten Befragung gestand A. sein TĂ€uschungsmanöver als syrischer FlĂŒchtling und den Besitz von 1.091 Schuss Munition und 51 SprengsĂ€tzen, die er âKnallkörperâ nannte. Seine rassistische Masterarbeit versuchte er als missverstandene âWahrheitssucheâ darzustellen.cite-ref-81[81] Am 10. Juni 2021 gestand A. ĂŒberraschend auch den zeitweisen illegalen Besitz von drei bei der Bundeswehr vermissten Waffen: eines G3-Sturmgewehrs, eines halbautomatischen Gewehrs der Marke Landmann-Preetz und einer Browning-Pistole. Deren Herkunft und Verbleib erklĂ€rte er jedoch nicht, sondern sagte nur, er habe sich ihrer âentledigtâ. Einen Anschlagsplan bestritt er weiterhin. RĂŒckfragen, inwiefern einem ausgebildeten Soldaten die gefundenen 1000 Schuss Munition zur angeblichen Verteidigung in einem Weltkrieg gereicht hĂ€tten, konnte er nicht beantworten. Mehrmals nannte er seine eigenen Aussagen âabwegigâ und ânicht nachvollziehbarâ.cite-ref-82[82]
Bis Juli 2021 befragten die Richter A. zu den bei ihm gefundenen Notizen, etwa, warum er neben den Namen von Politikern, Aktivisten und linksgerichteten Personen Worte wie âSchrotflinteâ und âSchloss ohne SchlĂŒssel aufmachenâ sowie eine Skizze der U-Bahn-Station beim Berliner BĂŒro der Amadeu Antonio Stiftung notiert hatte: âDa könnte man auch denken, Sie bereiten sich auf einen Einsatz vor.â Zur Notiz ĂŒber Claudia Roth fragte der Vorsitzende Richter: âDass sie eine Hassfigur von Rechten ist, wussten Sie?â Zu weiteren Notizen auf demselben Blatt wie âBlackphoneâ, âHandgranatenâ, âZentralrat Juden/Muslimeâ, âMolotowcocktails herstellenâ, âSprengung Rothschildsteinâ, âBarclaysâ, âZersetzung Antifaâ, âFeuerzeug Explosion ausprobierenâ, âOsmanen Germaniaâ sowie âRucksack ordnenâ, âItalienisch lernenâ, âE-Mail-Adressen zusammentragenâ fragte der Richter, ob das eine To-do-Liste sei.cite-ref-faz11aug2021-68-1[68] A. erklĂ€rte, es sei eine bloĂe Rechercheliste. Er machte keine Angaben zu Mitwissern, obwohl bei Maximilian T. eine Ă€hnliche Namensliste gefunden worden war. Er erklĂ€rte den notierten Satz âWir sind noch nicht an einem Punkt, wo wir so handeln können wie wir letztendlich wollenâ nicht und verwehrte dem Gericht zunĂ€chst, eine seiner Sprachaufnahmen dazu vorzuspielen. Einzelnotizen erklĂ€rte er durchweg als harmlos: âBerlin, Schrotflinteâ habe ihn erinnern sollen, ein altes Gewehr auf einem Berliner Flohmarkt zu suchen. Zu âHandgranatenâ habe er sich aus Neugier deren Funktionsweise anschauen, zu âMolotowcocktailsâ deren Herstellung recherchieren wollen. âSchlösser knackenâ habe ihn interessiert, falls er seinen SchlĂŒssel verlöre. âZentralrat der Judenâ und âMuslimeâ stehe da, weil er wissen wollte, welche ZentralrĂ€te es gibt. Er bestritt, dass er âHassfiguren der Rechtenâ notiert habe, erklĂ€rte aber nicht seine Namensauswahl. Dass die Namen auf dem Kalenderblatt zum 11. September 2016 standen, bedeute nicht, dass er âein deutsches 9/11â geplant habe. Er sei fĂŒr Liebe und Frieden und betrachte Muslime und Christen, Linke und Rechte nicht als Feinde. Ursula Haverbeck sei wegen einer âabweichenden Meinungâ zum Holocaust inhaftiert worden. Als der Richter nachfragte, ob dieser nicht eine historische Tatsache und keine Meinung sei, sagte A.: Auch Tatsachen könne man doch anders sehen. Zur Frage, wer Haverbeck aus der Haft befreien solle, sagte er, er wisse nicht mehr, an was er bei der Notiz âBefreiungsaktionâ gedacht habe und habe auch gar nicht die Mittel dafĂŒr.cite-ref-83[83] Dass er in seiner Masterarbeit vor einer âDurchmischung der Rassenâ warnte, erklĂ€rte A. aus wissenschaftlicher Neugier: Er habe âunvorbelastet Dinge ergrĂŒndenâ wollen. Dass er den Pkw von Anetta Kahane im Parkhaus unter dem StiftungsbĂŒro fotografiert hatte, erklĂ€rte er damit, dass er sie persönlich habe kennenlernen und dazu ihren Pkw wiedererkennen wollen. Mit seiner ScheinidentitĂ€t als syrischer FlĂŒchtling, die er mehr als ein Jahr lang mit erheblichem Reise- und Kostenaufwand aufrechterhielt, habe er die MĂ€ngel des deutschen Asylsystems aufzudecken versucht.cite-ref-faz11aug2021-68-2[68]
Die AnklĂ€ger zitierten aus einer der 129 Sprachaufnahmen auf seinem Handy vom MĂ€rz 2015: Juden und Deutsche seien nicht das gleiche Volk. Der Westen versuche, anderen Staaten âdieses dreckige demokratische Systemâ ĂŒberzustĂŒlpen. Hitler sei kein MaĂstab, âer steht ĂŒber allen Dingenâ. Die Richter zeigten offen, dass ihnen A.s ErklĂ€rungsversuche nicht plausibel erschienen, und warfen ihm vor, dass er zu NebensĂ€chlichem viel sage, aber sich bei wichtigen Dingen nicht erinnere. â Weil A. seinen Betrug eingerĂ€umt und die erschlichenen BetrĂ€ge zurĂŒckgezahlt hatte, wollte das Gericht diesen Anklagepunkt vor der Sommerpause fallenlassen. Auch den Besitz der gefundenen Pistole, Munition und Sprengkörper gestand A., beantwortete aber keine Fragen dazu. Mit in seinem Keller gehorteten Zigaretten und Kraftstoffen habe er sich wie andere Prepper bei der Bundeswehr auf die âGefahr eines dritten Weltkriegsâ vorbereitet, um seine Familie im Ernstfall schĂŒtzen zu können und krisenfeste Tauschware zu haben. Die Richter kĂŒndigten an, jedes Detail seiner Angaben grĂŒndlich zu prĂŒfen. Daher wurde mit einer langen Prozessdauer gerechnet. Am 12. August 2021 wurde das Gutachten zu A.s Masterarbeit verlesen, die das Gericht schon als âradikalnationalistischen, rassistischen Appellâ eingestuft hatte.cite-ref-faz11aug2021-68-3[68]
Die kriminaltechnische Untersuchung der angeblich in Wien gefundenen Waffe 2017 hatte ein GebĂŒsch als angeblichen Fundort und A.s Absicht, die Pistole abzugeben, unwahrscheinlich gemacht.cite-ref-spon12dez2017-6-5[6] Am 6. September 2021 widerlegte eine Expertin fĂŒr forensische Molekularbiologie A.s Version vom Pistolenfund: Sie fand auf und in der Pistole nur A.s stark ausgeprĂ€gte DNA-Profile, auch an sonst wenig angefassten Stellen, aber keine Erd- und Urinspuren. Die DNA-Spuren seien durch âregelmĂ€Ăiges Hantieren entstandenâ; A. habe die Waffe öfter in der Hand gehabt und das Magazin herausgenommen.cite-ref-84[84]
Am 28. Oktober 2021 entschied das Gericht, Sprachmemos von Franco A.s Handy öffentlich vorzuspielen, da diese kein persönliches Tagebuch seien, sondern ein âpolitisches Manifestâ mit âhoher Beweisbedeutungâ. Darin legte A. seine Weltsicht fĂŒr ein imaginĂ€res Publikum dar und sagte unter anderem: âGewalt ist eine Option, Gewalt muss eine Option sein. Scheuen wir uns nicht zu töten. Warten Sie nicht lĂ€nger, warten wir nicht lĂ€nger!â Wer dazu nicht bereit sei, der könne den Kampf (gegen den politischen Feind und die von A. abgelehnte Demokratie) gleich aufgeben. In einem angeblichen âRassenkrieg, der gegen das deutsche Volk gefĂŒhrt wirdâ, werde die alteingesessene Bevölkerungsmehrheit zugunsten von Zugewanderten gezielt âuntergebuttertâ. Tausende US-amerikanische Geheimdienstagenten betrieben eine âZersetzungâ, auch der AfD, âum zu verhindern, dass sich Deutschland selbstbestimmt Russland anschlieĂtâ. Es sei lebensgefĂ€hrlich, sich dagegen zu wehren: âJeder, der etwas Ă€ndern will, wird umgebracht.â Dazu stellte er John F. Kennedy, Alfred Herrhausen und Jörg Haider als angebliche Mordopfer derselben TĂ€ter in eine Reihe. Darum sei es an der Zeit, âzurĂŒck zu ermordenâ. Die angeblichen Drahtzieher der angeblichen Mordserie und PlĂ€ne gegen das deutsche Volk nannte er meist unbestimmt âdiese Schweineâ, âdas Establishmentâ, die âMĂ€chtigenâ oder den âdarĂŒberstehenden Feind, der fĂŒr all das verantwortlich istâ. In anderen Sprachmemos drĂŒckte A. seinen Antisemitismus offen aus, etwa mit der Klage, US-PrĂ€sident Donald Trump habe sich âals Zionist geoutetâ und scheide damit als HoffnungstrĂ€ger fĂŒr Rechte aus. In einem weiteren Sprachmemo spielte A. einen Juden, der mit geifernder Wochenschaustimme wegen der Shoah die dauerhafte DemĂŒtigung und Unterwerfung der Deutschen fordert, und hielt diesem fiktiven Gegner dann aufrechnend alliierte Bombenangriffe auf deutsche StĂ€dte vor. Zudem bezweifelte er den Holocaust und behauptete: âJeder wird Nazi, Rassist oder Antisemit genannt, sobald er etwas sagt, das dir nicht in den Kram passt.âcite-ref-85[85]
Am 11. Februar 2022 fand die Polizei bei einer Personenkontrolle A.s mögliche Beweismittel. Daraufhin erlieĂ das Oberlandesgericht wegen Verdunkelungs- und Fluchtgefahr Haftbefehl gegen ihn. Am 14. Februar 2022 kam er erneut in Untersuchungshaft.cite-ref-86[86] Bei der Festnahme fand man bei ihm 23 Abzeichen mit Hakenkreuzen, sieben Hieb- und Stichwaffen, auch Macheten, 21 Mobiltelefone, mehr als 50 ungenutzte Prepaidkarten und einen gefĂ€lschten Impfausweis. Ein Pflichtverteidiger Franco A.s beantragte daraufhin, von seinem Amt entbunden zu werden, weil er es nicht erfĂŒllen könne und nur sehr begrenzt Einfluss auf A. habe.cite-ref-87[87]
Am 2. Mai 2022 sagte A.s Verlobte aus, sie habe ihn als politisch rechts eingestuft und von seinen PrepperaktivitĂ€ten gewusst. In ihren GesprĂ€chen habe er sich um einen Krieg mit Russland und âMigration als Waffeâ fĂŒr eine Destabilisierung Europas gesorgt, vor allem durch US-amerikanische AuĂenpolitik. Er habe sich âeinseitigâ mit jĂŒdischen Autoren befasst, aber individuell nie abfĂ€llig ĂŒber Juden und kaum zum Nationalsozialismus geĂ€uĂert. Von A.s IdentitĂ€t als syrischer FlĂŒchtling habe sie erst durch die Medien erfahren und auch nichts von seinen SchieĂtrainings und Waffen im Keller gewusst. Seinen Pistolenfund in Wien habe sie ihm nicht geglaubt. Die Antwort auf die Frage, was er ihr davon erzĂ€hlte, verweigerte sie. Einen Anschlagsplan A.s nannte sie âabsolut absurdâ: Er habe Menschen wie Anetta Kahane nur zum GesprĂ€ch aufgesucht.cite-ref-88[88] Das Gericht lehnte A.s HaftprĂŒfungsantrag im Mai 2022 ab und lieĂ den Haftbefehl bestehen.cite-ref-89[89] Bis dahin konnte es zwar A.s rechtsextremes Weltbild, aber keine konkrete Verbindung zwischen seiner ScheinidentitĂ€t als FlĂŒchtling und den mutmaĂlichen TerrorplĂ€nen nachweisen.cite-ref-90[90]
Am 15. Juli 2022 verurteilte das OLG Franco A. wegen der Planung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat, unerlaubtem Besitz von Waffen und Kriegswaffen, Munition und Explosionsmitteln sowie Betrugs zu fĂŒnfeinhalb Jahren Haft. Damit wurde erstmals in der bundesdeutschen Geschichte ein Bundeswehroffizier wegen eines geplanten Terroranschlags verurteilt. Das Gericht war laut Richter Christoph Koller sicher, dass A. eine solche Tat geplant hatte und sich nur ĂŒber das Wie und Wann noch unklar gewesen sei. Er habe seit 2015 zunehmend konkreter ĂŒber einen Anschlag auf Politiker oder Personen des öffentlichen Lebens nachgedacht, um aus seiner Sicht zum Erhalt der âdeutschen Nationâ und âweiĂen Rasseâ beizutragen, die er durch den FlĂŒchtlingszustrom bedroht gesehen habe. 2016 habe er aus seiner völkisch-nationalistischen Gesinnung heraus einen Terroranschlag fest beschlossen, um einen politischen Richtungswechsel herbeizufĂŒhren. Als Anschlagsopfer habe er Claudia Roth, Heiko Maas und Anetta Kahane erwogen, die er fĂŒr die befĂŒrchtete âUmvolkungâ verantwortlich gemacht habe. Als Hauptindizien des Plans nannte das Gericht A.s Eindringen in die Tiefgarage der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin, seine SchieĂĂŒbungen vier Tage spĂ€ter, den Kauf eines Zielfernrohrs, seine Notiz âWir befinden uns an einem Punkt, an dem wir noch nicht handeln können, wie wir letztlich wollenâ und seine To-do-Liste fĂŒr GPS-Tracker, Molotowcocktails, Sprengung des Erinnerungssteins an die Familie Rothschild in Frankfurt und eine Handgranate. Nach seiner Festnahme im Februar 2017 in Wien habe er den Plan nur ruhen lassen, aber nicht aufgegeben. Das Gericht sah bei A. eine âverfestigte, rechtsextremistische, völkisch-nationalistische und rassistische Gesinnungâ und Judenhass, den schon seine Masterarbeit deutlich gezeigt habe. Es hielt A.s illegalen Besitz von vier Schusswaffen und Diebstahl von mehr als 1000 Schuss Munition und 50 Sprengkörpern aus BundeswehrbestĂ€nden fĂŒr erwiesen, ebenso seinen Betrug um fast 7000 Euro an Sozialleistungen durch seine Scheinexistenz als syrischer FlĂŒchtling. Infolge des Urteils wurde A. aus dem Bundeswehrdienst entlassen.cite-ref-91[91]
In der mĂŒndlichen UrteilsbegrĂŒndung erwĂ€hnte das Gericht auch A.s Mitgliedschaft im Hannibalnetz. UngeklĂ€rt blieb, wie genau er an die Bundeswehrmunition gelangt war und wo seine Waffen sich befinden. Der Lagebericht des BMI vom FrĂŒhjahr 2022 behandelte das Hannibalnetz als Beispiel fĂŒr das âbesondere Bedrohungspotentialâ, das von ausgebildeten SpezialkrĂ€ften mit Insiderwissen in Bundeswehr und Polizei ausgeht.cite-ref-92[92]
Am 8. August 2023 verwarf der BGH A.s Revision als offensichtlich unbegrĂŒndet. Damit erlangte das OLG-Urteil endgĂŒltig Rechtskraft.cite-ref-93[93]
Literatur
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âą Matthias Meisner, Heike Kleffner (Hrsg.): Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz. Herder, Freiburg im Breisgau 2019, ISBN 3-451-38561-9, S. 246â259
âą Andrea Röpke, Julian Feldmann: Einsatz im Innern: Geheime rechte Zirkel bei Polizei und Bundeswehr. In: Andrea Röpke (Hrsg.): 2018: Jahrbuch Rechte Gewalt. Chronik des Hasses. Knaur, MĂŒnchen 2018, ISBN 3-426-78913-2, S. 221â241
âą Dierk Spreen: Rechtspopulismus und Bundeswehr. Eine Bestandsaufnahme mit Risikoanalyse. In: Angelika Dörfler-Dierken (Hrsg.): Hinschauen! Geschlecht, Rechtspopulismus, Rituale: Systemische Probleme oder individuelles Fehlverhalten? Carola-Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2018, ISBN 3-945861-83-7, S. 97â136
Weblinks
Dokumente des Generalbundesanwalts
⹠Festnahme wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefÀhrdenden Gewalttat. 9. Mai 2017
âą Haftbefehl wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Gewalttat auĂer Vollzug gesetzt. 18. Juli 2017
⹠Anklage wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefÀhrdenden Gewalttat. 12. Dezember 2017
Dokumente des BGH
âą Bundesgerichtshof hebt Haftbefehl gegen Bundeswehroffizier auf. 5. Juli 2017
âą Bundesgerichtshof verwirft Haftbeschwerde von Franco A. 18. August 2017
âą Bundesgerichtshof hebt Haftbefehl gegen Franco A. auf. 29. November 2017
⹠Bundesgerichtshof lÀsst Anklage gegen Franco A. vor dem Oberlandesgericht Frankfurt zu. 20. November 2019
Gesamtberichte
âą Der Komplex Franco A. Teil 1 â Rechter Soldat unter Terrorverdacht. NSU-Watch, Mai 2021
âą Katrin Bennhold: A Far-Right Terrorism Suspect With a Refugee Disguise: The Tale of Franco A. The New York Times, 29. Dezember 2020 (kostenpflichtig)
⹠Manuel Bewarder, Alexej Hock, Ibrahim Naber, Annelie Naumann, Tim Röhn: Fall Franco A.: Das rechte Schattennetzwerk. Welt Online, 30. April 2019
Strafprozess
âą NSU Watch Hessen: Berichte zu allen Verhandlungstagen im Strafprozess gegen Franco A.
Einzelnachweise
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cite-note-taz16mai2021-22. â Sebastian Erb, Daniel Schulz: Rechtsextreme Netzwerke in Deutschland: Ein deutscher Soldat. taz, 16. Mai 2021
cite-note-33. â Katharina Iskandar, Helmut Schwan und Eberhard Schwarz: TerrorverdĂ€chtiger Franco A.: âEhrgeizig, korrekt und offenâ. FAZ, 9. Mai 2017
cite-note-44. â Franco A.: Spurensuche in Offenbach. Frankfurter Rundschau, 7. Januar 2019
cite-note-nzz16apr2019-55. â Benedict Neff, Joana KelĂ©n: Der Fall Franco A., erster Teil: âMein Sohn war Staatsfeind Nummer 1â. NZZ, 16. April 2019
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cite-note-8585. â Joachim F. Tornau: Politik / Franco A.: âScheuen wir uns nicht zu tötenâ. ND, 29. Oktober 2021
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cite-note-8787. â Bundeswehroffizier unter Terrorverdacht: Ermittler fanden bei Franco A. Hakenkreuz-Abzeichen und Waffen. Spiegel, 24. Februar 2022
cite-note-8888. â Anna-Sophia Lang: Prozess gegen Franco A.: Die Verlobte als Zeugin. FAZ, 2. Mai 2022
cite-note-8989. â Verlobte von terrorverdĂ€chtigem Offizier als Zeugin. Zeit Online, 2. Mai 2022
cite-note-9090. â Danijel MajiÄ: Terrorvorwurf gegen Bundeswehroffizier Franco A.: Prozess ohne Ende. Hessenschau, 20. Mai 2022
cite-note-9191. â Annette Ramelsberger: Urteil gegen Bundeswehrsoldat: Franco A. war zur Terrortat entschlossen. SZ, 15. Juli 2022
cite-note-9292. â Sebastian Erb et al.: Warten auf âTag Xâ, in: Kleffner/Meisner (Hrsg.): Staatsgewalt, Freiburg 2023, S. 44f.
cite-note-9393. â Bundesgerichtshof: Verurteilung eines Bundeswehroffiziers wegen eines beabsichtigten Terroranschlages bestĂ€tigt. Pressemitteilung Nr. 146, 24. August 2023; Revision zurĂŒckgewiesen - Terrorurteil gegen Bundeswehroffizier Franco A. rechtskrĂ€ftig. Spiegel, 24. August 2023